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Smartphones : Abschied vom aufrechten Gang

Gerade aktualisiert: Reporter lesen im Kapitol in Washington D.C. die jüngsten Informationen auf ihren Smartphones Bild: AFP

Sie versetzen Menschen in eine andere Welt. Doch der Einfluss mobiler Hightech-Geräte äußert sich nicht nur mental, sondern auch körperlich. Eine weltabgewandte und eingerollte Haltung macht sich zunehmend bemerkbar. Ein Kommentar.

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          Neulich an der Fußgängerampel. Eine Mutter wartet, dass es Grün wird. Fest im Arm hält sie ein Mädchen von vielleicht acht Jahren, vermutlich die Tochter. Als die Ampel umspringt und die beiden losgehen dürfen, steuert die Mutter das Kind geradezu. Es hält den Kopf gesenkt, es braucht diese Führung, weil es den Verkehr nicht selbst beobachtet.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Das Mädchen ist längst alt genug, um allein zu gehen. Es würde genügen, wenn die Frau an seiner Seite sich vergewisserte, dass das Kind achtsam ist. Das kann aber nicht auf die Welt vor und neben sich schauen. Es starrt auf seine linke Hand, die es vor dem Bauch hält wie eine kleine Schale. Darin liegt ein Smartphone oder ein MP3-Player. Von diesem führen Kabel zu kleinen Lautsprechern, die in den Ohren des Kindes stecken. Das Mädchen ist in einer anderen Welt. Evolution frisst ihre Kinder.

          Kopf nach unten geneigt, das Kinn an der Brust

          Die Kleine ist nicht allein, weder an diesem Nachmittag noch in dieser Stadt, noch in diesem Land. Vor ihr und hinter ihr, in den Nachbarstraßen, Nachbarstädten, -ländern, ja -kontinenten laufen seit ein paar Jahren, seit der massenhaften Verbreitung von Smartphones, Menschen mit derselben Körperhaltung herum wie sie. Den Kopf nach unten geneigt, das Kinn an der Brust, abgewandt von der Welt um sie herum. Eingerollt statt aufrecht.

          Dass das weltweite Netz das Leben der Menschen entgrenzt, ist keine neue Erkenntnis. Doch seit ein paar Jahren ist der Zugang zum Internet Milliarden von Menschen in jeder Lebenslage möglich, und sie nutzen das. Beim Laufen, beim Autofahren, auf dem Kinderspielplatz, in der Straßenbahn oder im Restaurant. Und allmählich fängt der Mensch an, nicht nur mental zu reagieren, sondern auch körperlich.

          Eltern empfinden tiefes Glück, wenn ihr Baby sie zum ersten Mal anlächelt und sie sich erkannt fühlen. Wahrnehmung von Mensch zu Mensch. Der nächste Glücksrausch von Mutter und Vater stellt sich ein, wenn das Kind aufsteht und laufen lernt. Der aufrechte Gang ist nicht nur für das Individuum, sondern für die Menschheit ein riesiger Entwicklungsschritt. Der Homo erectus ließ die gebückte Haltung der Tiere hinter sich, stellte sich senkrecht. Und er nutzte das Feuer als eine bis heute wesentliche Technik der Zivilisation.

          Noch nicht im „Raumschiff Enterprise“ angekommen

          Mit den Zivilisationstechniken ist es seither munter weitergegangen. Immer mehr echte oder vermeintliche Menschheitsträume gehen in Erfüllung. Es ist noch nicht einmal hundert Jahre her, dass Charles Lindbergh alleine und ohne Unterbrechung über den Atlantik flog. Bis dahin waren Milliarden von Erdenbewohnern ganz gut ohne das Fliegen ausgekommen. Heute ist ein Hüpfer mit dem Flugzeug von New York nach Singapur und von dort weiter nach Daressalam ein Klacks.

          Wir sind noch nicht im „Raumschiff Enterprise“ angekommen, aus dem heraus die Menschen sich in Sekundenfrist von einem Ort der Welt an einen beliebigen anderen „beamen“ können, indem sie ihre Körper von Materie in Antimaterie und wieder zurück verwandeln. Das wäre die totale Entgrenzung der menschlichen Existenz. Frühstück in München mit der Geliebten, dann schnell in London die Kinder zur Schule gefahren und anschließend pünktlich zum Vormittagsmeeting nach Moskau.

          Aber die Kommunikation mit Hilfe des Internets ist eine Annäherung an diesen „Traum“. Per Skype kann zumindest der wohlhabendere Teil der Erdbevölkerung jederzeit in Sprache und Bild an jedem Ort der Welt zugegen sein. Das hätten die meisten Menschen noch vor zwanzig, ja zehn Jahren für eine allzu kühne Vision gehalten. Oder schlicht für Quatsch. Wenn die technische Entwicklung in der bisherigen Geschwindigkeit weitergeht, wer weiß: Vielleicht werden wir ja alle zu Scottys aus dem „Raumschiff Enterprise“.

          Leicht eingerollt: Die angenehmste Position für den Körper, wenn man ein Smartphone bedient

          Oder wir werden verrückt. Die weltabgewandte, leicht eingerollte Haltung, die inzwischen Milliarden von Menschen einnehmen, wenn sie beim Gehen eins werden mit ihrem Smartphone, lässt sich rein mechanisch erklären. Es ist eben die angenehmste Position für den Körper, wenn man gegen 16 Uhr am Nachmittag die 136. SMS des Tages oder die 73. Mail checken will. Da wäre es allzu anstrengend, den Arm immer ausgestreckt zu halten. Man muss aber kein Technikfeind sein, um es mit einer anderen Erklärung zu versuchen. Vielleicht ist die typische Körperhaltung des Smartphone-Nutzers auch ein evolutionärer Rückschritt, der Zeichen einer kollektiven Überforderung ist. Bevor die Evolution ihre Kinder verschlingt, zwingt sie sie zurück in eine Haltung, die längst überwunden war. Eine erzwungene Denkpause. Solange noch jemand da ist, der den anderen auf der Straße anguckt.

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