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Slobodan Milosevic : Ein bedenkenloser Machtmensch

Uneinsichtig: Milosevic vor dem Tribunal in Den Haag Bild: AP

Slobodan Milosevic ging über Leichen. Er war aber kein serbischer Chauvinist. Er verstand es nur, den Nationalismus für sich zu nutzen.

          Die beiden häufigsten Irrtümer zu seiner Person werden ihn wahrscheinlich um viele Jahre überleben: Slobodan Milosevic war weder ein großserbischer Nationalist noch ein Diktator, auch wenn das oft über ihn behauptet worden ist. Ein Diktator wäre er sicher gern gewesen, doch das ließ weder die Zeit zu noch das Volk, zu dessen Führer er sich, mit dessen mehrheitlicher Unterstützung, aufgeschwungen hatte. Doch die Begeisterung schwand, wirklich demokratische Wahlen hätte Milosevic schon wenige Jahre nach seinem Aufstieg nicht mehr gewonnen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Also griff er in die Trickkiste. Als Präsident von Serbien beziehungsweise seines selbstgebauten Klein-Jugoslawien (bestehend nur noch aus Serbien und Montenegro) stützte er sich auf Geheimdienstler, einen willkürlichen Justiz- und Polizeiapparat und die staatlichen Medien. Einige Merkmale klassischer Diktaturen aber fehlten seinem Regime: Es gab in Serbien stets auch Oppositionelle mit eigenen Medien, es waren Gegenstimmen vernehmbar, jedenfalls in Belgrad und den größeren Städten. Freilich, Milosevic versuchte seine Gegner nach allen Regeln der Kunst einzuschüchtern, zur Not in einigen Fällen wohl auch gewaltsam zu beseitigen wie seinen einstigen Förderer Ivan Stambolic. Doch nie war seine Herrschaft so umfassend und totalitär wie die Diktaturen Ceausescus oder Schiwkows in der Nachbarschaft.

          Im Windschatten des serbischen Nationalismus

          Daß er sich überhaupt so lange an der Macht halten konnte, verdankte er seinem geschickt inszenierten Aufstieg im Windschatten des serbischen Nationalismus. Das ist die zweite Unwahrheit über ihn: Denn Milosevic spielte mit dem Instrument des Nationalismus, er war ein skrupelloser Organisator der Kriege im Namen Großserbiens, der bedenkenlos über Leichen ging - aber ein großserbischer Nationalist war er nicht. Ende der achtziger Jahre erkannte der ehrgeizige kommunistische Funktionär aus dem serbischen Provinzstädtchen Pozarevac, daß der Kommunismus ausgedient hatte als Instrument zur Herrschaftsausübung. Es schienen sich zwei Auswege anzubieten zur Rettung Jugoslawiens: demokratische und wirtschaftliche Reformen sowie eine echte Förderalisierung. Das hätte den Funktionär Milosevic aber die Karriere gekostet, und so setzte er auf eine andere Karte: nationalistische Mobilisierung der Serben gegen die anderen Völker Jugoslawiens.

          Der entscheidende Moment für seinen Aufstieg war seine unheilvolle Rede vom 24. April 1987 in Kosovo Polje, dem Ort der verlorenen serbischen Schlacht gegen die Osmanen 1389 auf dem Amselfeld in Serbiens Südprovinz Kosovo. Damals wandte sich Milosevic an eine Masse demonstrierender Serben in der überwiegend albanisch besiedelten Provinz. Die Serben waren in eine Rangelei mit Polizisten geraten; Milosevic trat vor sie und sprach die Worte, die manche heute als den Epilog auf das alte Jugoslawien werten: "Niemand soll es wagen, euch zu schlagen. Dies ist euer Land, dies sind eure Häuser, eure Felder und Gärten, eure Erinnerungen. Ihr werdet nicht euer Land aufgeben, weil das Leben zu schwierig geworden ist, weil Ungerechtigkeit und Erniedrigungen euch treffen." In Kosovo Polje habe Milosevic das Pferd bestiegen, das ihm die serbische Intelligenz zuvor gesattelt hatte, urteilte später Belgrads heutiger Außenminister Vuk Draskovic, der als demagogischer Oppositionsführer selbst einer der Sattlermeister gewesen war.

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