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Slobodan Milosevic : Die Welt herausgefordert

Kondolenzbücher für Milosevic in Belgrad Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Slobodan Milosevic wird in die Geschichtsbücher eingehen, weil er die Nato und sogar die Bundeswehr zum Krieg zwang. Und auch wenn er es nicht wollte: Belgrad war in den neunziger Jahren einer der Drehpunkte der internationalen Diplomatie.

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          Auch das ist eine Leistung: Obwohl es nicht in seiner Absicht lag, ist es Slobodan Milosevic gelungen, einen kleinen Balkanstaat an der südwestlichen Peripherie Europas für gut ein Jahrzehnt zu einem Zentrum der Weltpolitik auszubauen. Belgrad war in den neunziger Jahren einer der Drehpunkte der internationalen Diplomatie, die Staatengemeinschaft schaute auf die Stadt am Zusammenfluß von Donau und Save. Bedeutung bezog das Land jedoch nur aus seinem enormen Destabilisierungspotential.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Wäre Serbien - ein Staat von knapp zehn beziehungsweise (ohne das Kosovo) acht Millionen Einwohnern - so leise und unauffällig in die postkommunistischen neunziger Jahre aufgebrochen wie etwa Bulgarien, der südöstliche Nachbar von ähnlicher Größe - die Welt wüßte heute nicht viel von einem gewissen Milosevic. Weil das Land aber den Weg der Gewalt ging, konnte der Mann an seiner Spitze, ein Funktionär aus der Kleinstadt Pozarevac, etwa eine Autostunde südöstlich von Belgrad gelegen, mehrmals an der Weltgeschichte mitschreiben.

          Ein Novum in der Weltgeschichte

          So in Bosnien-Hercegovina, wo von 1992 bis 1995 der größte der von Belgrad aus mitgesteuerten Kriege im ehemaligen Jugoslawien wütete. Dort begann für die Nato ein neuer Abschnitt ihrer Geschichte, der erste militärische Einsatz des Bündnisses mehr als 45 Jahre nach seiner Gründung. Am 19. Dezember 1995 traten die 60.000 Soldaten der Ifor (Implementation Force) zur Durchsetzung des Friedensvertrags in Bosnien-Hercegovina ihren Dienst an. Beteiligt daran (wie auch an der heute von der EU geführten Militärmission in Bosnien) war die Bundeswehr, die für den größten Einsatz seit ihrer Gründung ein Kontingent von damals 4.000 Soldaten bereitstellte.

          Nach Bosnien folgte dann der Luftkrieg der Nato um das Kosovo: Von März bis Juni 1999 bombardierte die Nato Milosevics Jugoslawien (Serbien und Montenegro) - und griff damit erstmals in ihrer Geschichte einen souveränen Staat an. Während dieses Krieges, am 24. Mai 1999, erhob das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag Anklage gegen Milosevic, der damals noch Präsident eines europäischen Staates war - auch dieser Vorgang war ein Novum in der Weltgeschichte.

          „Größtes kollektives sicherheitspolitisches Debakel“

          Slobodan Milosevic stellte die Staatengemeinschaft in den neunziger Jahren vor Probleme, wie sie sie zuletzt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vor sich gesehen (und nicht gemeistert) hatte. Zwar führt ein Vergleich zwischen Hitler und Milosevic, wie er mitunter angestellt wurde, in die Irre. Doch unbestreitbar ist, daß die Auswirkungen von Milosevics Kriegspolitik auf dem Balkan für Europa und die Vereinigten Staaten zu Beginn der neunziger Jahre „das größte kollektive sicherheitspolitische Debakel seit den dreißiger Jahren“ gewesen sind, wie Bill Clintons Bosnien-Vermittler Richard Holbrooke in einem Beitrag in der amerikanischen Zeitschrift „Foreign Affairs“ feststellte.

          Für dieses „Versagen historischen Ausmaßes“ macht Holbrooke in seinen Erinnerungen an seine Vermittlungsgespräche mit Milosevic vor allem die historischen Fehlinterpretationen vieler Politiker zu Beginn der Jugoslawien-Krise verantwortlich. Sie hätten, aus mangelnder Kenntnis der wahren Gründe für die Kriege in Titos zerfallendem Reich, an „historische Feindschaften“ geglaubt, „die alle Versuche, von außen den Konflikt zu verhindern, zum Scheitern verurteilten“.

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