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Silvesternacht in Köln : Hatten die Taten System?

Kultur der Ehre

Und es gibt Männer wie Yilmaz Atmaca, der sich an diesem Freitagmorgen an der Theke seines eigenen Cafés in Berlin-Kreuzberg einen portugiesischen Galão bestellt, um sich anschließend über den ergrauten Zopf am Kinn zu streichen. Dann sagt der gebürtige Türke: „Ich will nicht alle Migranten in denselben Topf werfen. Aber jede Person, die aus einem patriarchalen System, aus einer männerdominierten Gesellschaft kommt, ist betroffen. Der eine stark, der andere weniger.“ Nicht, dass deshalb jeder auf die Straße gehen und Frauen belästigen würde.

Aber, so Atmaca: „Was wir an Silvester mitbekommen haben, diese Haltungen, da müssen wir gar nicht bei den Flüchtlingen anfangen. Das ist nicht erst 2016 nach Deutschland gekommen. Patriarchale Strukturen begünstigen, dass Männer Grenzen überschreiten. Für einige Männer heißt ,nein‘ nicht ,nein‘. Und dieses ,Nein‘ müssen wir denen ganz klar vermitteln.“

Der Fünfundvierzigjährige, Cafébetreiber, Theaterpädagoge und angehender Familientherapeut, arbeitet für das Projekt „Heroes“, das vor neun Jahren entstand, nachdem die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü von ihrer Familie ermordet worden war. „Heroes“ ist die Einladung an junge Männer, ihren Alltag unter die Lupe zu nehmen und freiwillig zu ergründen, wie eine Kultur der Ehre sowohl Jungen als auch Mädchen einengt: Warum müssen die einen die anderen beschützen, und warum heißt das, dass die Schwester abends nicht mit ihren Freundinnen im Minirock ausgehen darf? Oder warum akzeptiert der Vater seine schwedische Schwiegertochter nicht? Ungefähr ein Jahr dauert die Ausbildung in wöchentlichen Diskussionsrunden und Rollenspielen zum zertifizierten „Hero“, zum Helden und Multiplikator, auf dass die Jugendlichen ihre neugewonnene Freiheit im Denken und Handeln weitergeben.

Flüchtlinge aus patriarchalen Gesellschaften

35 solcher Helden sind im Laufe der Jahre ausgebildet worden, diese wiederum haben mehr als 1000 Workshops an Schulen geleitet. Eine wissenschaftliche Evaluation hat dem Projekt eine enorme Wirkung attestiert: Noch ein Jahr nach den dreistündigen Schul-Workshops dächten die Teilnehmer anders über Gewalt und selbstbewusste Frauen als zuvor. Atmaca sagt: „Es geht darum, das Bild und die Rolle der Frau zu stärken und unsere Männerrolle in Frage zu stellen.“

In gewisser Weise schließt sich hier der Kreis zu den Flüchtlingen. Denn aus der sozialwissenschaftlichen Forschung weiß man, dass die Bereitschaft, traditionelle Männlichkeitsvorstellungen abzulegen und differenzierte Geschlechterbilder zu akzeptieren, mit dem Bildungsniveau wächst. Ahmet Toprak, Professor an der Universität Dortmund, mahnt deshalb: Wenn Flüchtlinge aus patriarchalen Gesellschaften wie den arabischen Staaten obendrein aus ländlichen Gebieten kämen und eine geringe Bildung hätten, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Selbstbewusstsein und die Eigenständigkeit der deutschen Frauen ein Schock für sie seien. „Ich werde nicht müde zu sagen, dass wir solche Themen auch in Integrationskurse aufnehmen müssen“, sagt Toprak.

Neuankömmlingen müsste vermittelt werden, dass es unterschiedliche Frauen in Deutschland gebe – solche mit und solche ohne Kopftuch zum Beispiel. Und alle seien zu respektieren.

Frauen in Kairo:  Eine patriarchale Gesellschaft
Frauen in Kairo: Eine patriarchale Gesellschaft : Bild: dpa

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