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Silvesternacht in Köln : Hatten die Taten System?

Jenseits der Silvesterexzesse sagt Wissenschaftlerin Krahé allerdings auch: „Dass es ein Klima der sexuellen Belästigung gibt, das kennen wir in Deutschland auch.“

Niemand nimmt Notiz

Ein Beispiel aus Berlin, aus den Akten des Krisen- und Beratungszentrums „Lara“: Anna F., 23 Jahre alt, fährt nach einer Party nachts mit der U-Bahn nach Hause. Sie nickt ein und wacht auf, als drei Männer sie am Busen und im Schritt berühren und versuchen, ihr die Strumpfhose auszuziehen. Niemand in der U-Bahn nimmt Notiz. Glücklicherweise kann sie sich befreien und aussteigen. Anzeige erstattet sie nicht.

„Im Grunde ist das eine Realität“, sagt Carola Klein, Sozialpädagogin und Traumatherapeutin bei „Lara“: „Wenn Frauen abends unterwegs sind, müssen sie damit rechnen, angegrapscht und beleidigt zu werden. Das ist den meisten bewusst, und das ist den meisten auch schon passiert.“ Klein ärgert sich, dass die Diskussion über die Silvesterattacken davon ablenke, dass die Angst vor sexuellen Übergriffen für Frauen auch in Deutschland zum Alltag gehöre.

Zehn Prozent werden angezeigt

Wer sich jetzt nur über die Täter von Köln und Hamburg ereifere, mache es sich zu leicht: Als wären immer die anderen schuld – fremde Männer, die nichts mit einem selbst und der eigenen Gesellschaft zu tun hätten. Dabei, sagt Klein, könnten gerade Männer ohne böse Absichten viel dazu beitragen, dass Frauen sich sicherer fühlten im öffentlichen Raum. Wer einen Blick dafür entwickele, wann Frauen sich typischerweise bedroht fühlten, und deshalb die Straßenseite wechsele oder sein Schritttempo verlangsame, nehme ihnen Angst.

Eine Frau aus Syrien protestiert in Köln gegen sexuelle Gewalt.
Eine Frau aus Syrien protestiert in Köln gegen sexuelle Gewalt. : Bild: dpa

Es gibt in Deutschland keine Forschung über sexuelle Belästigungen im öffentlichen Raum, in der Kriminalstatistik tauchen diese Fälle kaum auf. Schon bei strafbaren Sexualdelikten weiß man aus Dunkelfeldstudien: Nur etwa zehn Prozent der Taten werden angezeigt. Und nur bei wiederum zehn Prozent kommt es am Ende zu einer Verurteilung. Eine miese Anmache, das dahingezischte „Schlampe“, eine Berührung am Po oder der Griff an die Brust sind nach derzeitiger Rechtslage nicht zwingend strafbar. Nicht nur feministische Juristinnen sprechen deshalb von einer „Strafbarkeitslücke“, die inzwischen auch die Politik erkannt hat.

Völlig unklar indessen ist, wer die Männer sind, die Frauen, die nachts in der Stadt unterwegs sind, sexuell belästigen.

Angesichts der Tatsache, dass bisher alle mutmaßlichen Täter der Silvesternacht einen Migrationshintergrund haben, steht ein Verdacht im Raum, der je nach politisch-ideologischem Standpunkt bewusst betont oder zerredet wird: Gibt es Tätergruppen, die aufgrund von Herkunft und kultureller Prägung eine größere Tendenz haben als andere, Frauen schäbig anzumachen oder anzugreifen? Fallen auch im deutschen Alltag insbesondere Männer mit arabischen, nordafrikanischen oder muslimischen Wurzeln auf? Statistiken oder Forschung, die entsprechende Eindrücke entkräften oder belegen könnten, gibt es nicht. Fachleute allerdings sind sich einig, dass Sexismus nicht nur in Ägypten etwas mit Machokultur zu tun hat, mit Vorstellungen davon, wie Männer und Frauen sind oder zu sein haben und wer sich wie im öffentlichen Raum bewegen darf.

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