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Silvesternacht in Köln : Hatten die Taten System?

Opfer und Augenzeugen haben die Angreifer weitgehend einheitlich als Araber oder Nordafrikaner beschrieben. Und tatsächlich stellen nordafrikanische Banden, die trickreiche Taschendiebstähle begehen, die Kölner Polizei seit längerem vor Herausforderungen. Aber sind solche „Antänzer“, die ihre Opfer durch Körperkontakt ablenken, auch für die Silvesterexzesse verantwortlich? Wie hängen sexuelle Übergriffe und Eigentumsdelikte zusammen? Wie viel Absprache muss es gegeben haben, wenn an verschiedenen Orten gleichzeitig etwas so massiv zum ersten Mal passiert? Und welche Rolle spielen Flüchtlinge in diesem unheilvollen Geschehen?

Sexuelle Aggression

Angesichts der dünnen Beweislage sind jegliche Schlüsse voreilig. Noch vernehmen die Ermittler Opfer und Zeugen und werten Handydaten und Videomaterial aus. Köln zählt bisher 13 Beschuldigte, die alle aus Nordafrika stammen, aber nicht mit Sexualdelikten in Verbindung gebracht werden. In Stuttgart ist ein 20 Jahre alter Asylbewerber aus dem Irak festgenommen worden, der in der Silvesternacht erwischt wurde, als er in einer Gruppe zwei jugendliche Mädchen bedrängte. Hamburg hat mittlerweile immerhin acht Tatverdächtige ermittelt, die auch mit sexuellen Übergriffen in Verbindung gebracht werden – darunter Flüchtlinge wie auch Männer, die „schon seit mehreren Jahren“ in der Stadt lebten. Was genau das auch immer heißt.

Schockstarre : Deutschland nach Silvester

Barbara Krahé forscht seit vielen Jahren über sexuelle Aggression. Aber die Übergriffe in der Silvesternacht waren auch für die Professorin an der Universität Potsdam etwas Neues. „Wir kennen sexuelle Gewalt eher als etwas, was zwischen einzelnen Personen passiert oder überschaubare Zahlen von Tätern betrifft“, sagt die Sozialpsychologin. Besonders perfide: Die Tatsache, dass Frauen von Fremden überfallen würden, entspreche einem gängigen Mythos über sexuelle Gewalt. Dabei zeige die Forschung eigentlich, dass Täter und Opfer sich in den meisten Fällen kennen. Statistisch gesehen gilt: Das Risiko, Opfer sexueller Gewalt zu werden, ist in den eigenen vier Wänden größer als auf der Kölner Domplatte.

Jenseits der Silvesterexzesse

Grundsätzlich, sagt Krahé, sei die sexuelle Erregung und Befriedigung der Angreifer bei solchen Übergriffen nur eine mögliche Komponente der Tat: „Die Sexualität wird instrumentalisiert, um Machtbedürfnisse zu befriedigen.“ Der Angriff auf den Intimbereich erfolge zwar nicht zufällig. Auch die Täter aus der Silvesternacht hätten sich eben nicht auf eine Prügelei mit gleichaltrigen deutschen Männern eingelassen, sondern es gezielt auf junge Frauen abgesehen. Gerade weil es um Dominanz und Unterwerfung gehe, attackiere man Frauen, und das auf einem Feld, auf dem diese besonders verletzlich seien.

Zu dem gern bemühten Argument einer angeblichen „Sexualnot“ der Täter sagt Krahé, es spreche wenig dafür, dass nur sexuell frustrierte Männer übergriffig würden. „Wissenschaftlich besser belegt ist ein Zusammenwirken mehrerer Motive. Da ist auch viel Wut beteiligt, das Gefühl, zu kurz zu kommen. Und verletzte Männlichkeit.“ Zudem trage die Gruppendynamik dazu bei, dass Übergriffe eskalierten. Erkenntnissen der Sozialpsychologie zufolge verblassen in allen Gruppen individuelle Wert- und Verhaltensmaßstäbe zugunsten dessen, was als Gruppennorm erscheint – im Guten wie im Schlechten. Auch unter den Angreifern von Köln, so die Professorin, seien mit Sicherheit viele, die sich anders verhalten hätten, wenn sie allein auf der Domplatte gewesen wären. „Da fallen Hemmungen weg.“

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