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Silke Maier-Witt : „Wir haben nie gefragt, wen löschen wir da aus?“

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„Ich kann mich mit dem, was ich getan habe, nicht identifizieren”: Silke Maier-Witt Bild: AFP

Silke Maier-Witt war lange Jahre Mitglied der „Rote Armee Fraktion“. Im Interview spricht sie über ihre erste Waffe, den Mord an Siegfried Buback, Schuld, Scham und den „zurückhaltenden Menschen“ Christian Klar.

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          Silke Maier-Witt war lange Jahre Mitglied der „Rote Armee Fraktion“. 1977 war sie an der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer beteiligt. Nach ihrer Verhaftung in der DDR hatte Maier-Witt 1991 umfangreich ausgesagt, weshalb sie unter Berücksichtigung der Kronzeugenregelung nach fünf Jahren Haft vorzeitig entlassen worden war. Derzeit arbeitet die heute 57 Jahre alte Psychologin für das Forum Ziviler Friedensdienste in Mazedonien. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht sie über ihre erste Waffe, den Mord an Siegfried Buback, Schuld, Scham und den „zurückhaltenden Menschen“ Christian Klar.

          Frau Maier-Witt, Sie arbeiten in Mazedonien für das Forum Ziviler Friedensdienst. Was tun Sie dort?

          Ich treffe viele Leute, versuche Vertrauen aufzubauen. Und ich schaue, was wir tun können, um die ethnischen Gruppen der Mazedonier und der Albaner näher zueinander zu bringen. Beide sollten verstehen, dass es für sie und für die Zukunft des Landes besser ist, wenn sie ihre Vorurteile überwinden. Bildung ist dabei besonders wichtig, denn die Schulen gehören zu den wenigen Orten, wo sich Mazedonier und Albaner treffen und Spannungen entstehen.

          Sie haben zuvor für die gleiche Organisation fünf Jahre im Kosovo als Psychologin gearbeitet. Dort verstehen sich Serben und Albaner bis heute nicht.

          Ich bin nach wie vor zuversichtlich, dass Hass und Gewalt überwunden werden können. Aber es ist schwierig. Wenn es kriegerische Auseinandersetzungen gab, ist das besonders schwer. Trotzdem bin ich zuversichtlich, weil ich im Kosovo so viele Menschen kennengelernt habe, die mit großem Engagement daran arbeiten.

          Auch die RAF hat eine Art Krieg mit der Bundesrepublik geführt. Hat Ihre Arbeit für Sie mit Ihrer Geschichte in der RAF zu tun?

          Ja. Ich begreife meine Arbeit heute auch als politische Arbeit. Und als ich in die RAF gegangen bin, wollte ich mich für eine gerechtere Welt einsetzen. In der Wahl der Mittel habe ich allerdings ganz falsch gelegen. Ich habe damals nicht verstanden, dass Gewalt keine Lösung ist.

          Was empfinden Sie, wenn Sie an Ihre RAF-Zeit zurückdenken?

          Ich denke oft: Wieso bin ausgerechnet ich da reingekommen? Eine schlüssige Antwort habe ich immer noch nicht. Natürlich kann ich sagen: Es war eine ganz andere Zeit. Aber es fällt mir immer schwerer nachzuvollziehen, was ich damals gedacht habe. Je älter ich werde, umso schwerer fällt es mir, mich mit meiner Vergangenheit auszusöhnen. Ich sehe immer deutlicher, was ich durch meinen Lebensweg versäumt habe. Das gilt auch für fehlende Partnerschaften oder eine Familie.

          Sie haben mal gesagt, Sie hätten die Geschichte Ihres Vaters wiederholt. Wie meinen Sie das?

          Mein Vater war in der SS. Ich habe nicht herausbekommen, was er gemacht hat. Aber ich habe die Unterlagen bekommen, dass er sich mit 19 Jahren freiwillig gemeldet hat. Ich denke, auch er hat das getan, weil er zu einer Gruppe gehören wollte - um jemand zu sein, etwas darzustellen. Letztlich war das auch bei mir so. Ich wollte auch dazugehören - auch wenn man dafür das Gehirn ausschalten musste. Auch die SS hat Terror verbreitet. Und da sehe ich eine Parallele.

          Empfinden Sie Schuld oder Reue?

          Reue ist schwierig. Ich empfinde eher Scham. Ich kann mich mit dem, was ich getan habe, nicht identifizieren. Sicher waren es nicht nur niedere Beweggründe, die mich zur RAF getrieben haben. Aber es war doch eher Schwäche als Stärke.

          Peter Jürgen Boock hat gesagt, dass er Wut empfindet auf die RAF-Anführer Baader, Ensslin, Meinhof. Sie auch?

          Da müsste ich auf mich selbst wütend sein. Denn ich habe mich freiwillig und ohne Not untergeordnet. Natürlich gab es das Machoverhalten von Baader und anderen. Aber es wäre nicht richtig, alles nur auf eine Beziehungsgeschichte zu reduzieren. Ich bin nicht gezwungen worden mitzumachen.

          Sie gehören zu den frühen Aussteigern der RAF. Sind Sie rausgegangen, oder hat die Gruppe Sie ausgeschlossen?

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