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Gabriel in Bangladesch : Der Albtraum von Kutupalong

  • -Aktualisiert am

Flüchtlingskrise: Gabriel besucht das Lager Kutupalong, in dem aus Burma vertriebene Rohingya leben. Bild: Imago

Sigmar Gabriel besucht ein Lager der Rohingya im Süden von Bangladesch. Die Bedingungen hier sind katastrophal, doch es werden noch mehr Flüchtlinge erwartet.

          Der Regen hat vor wenigen Tagen aufgehört. Die lehmige Hauptstraße des Flüchtlingslagers ist deshalb ganz gut begehbar. Die Pfützen lassen erahnen, wie es hier während der Monsunzeit aussieht. Außenminister Sigmar Gabriel ist mit dem Hubschrauber aus Dhaka nach Cox’s Bazar an die Küste des Golfs von Bengalen geflogen. Von oben hatte er einen Blick auf den riesigen Lagerkomplex. Auf den Hügeln in Kutupalong reiht sich Camp an Camp. Seit dem letzten Gewaltausbruch im August dieses Jahren im Rakhine Staat in Burma sind mehr als 600.000 muslimische Rohingya über den Grenzfluss Naf ins benachbarte Bangladesch geflohen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Gabriel lässt sich am Sonntag von einer Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation durch ein kleines Krankenhaus führen. Sie berichtet ihm, dass die Hilfs- und Aufnahmebereitschaft der heimischen Bevölkerung vorbildlich seien. In dieser dichtbesiedelten Region herrscht auch unter der angestammten Bevölkerung zum Teil bittere Armut, so dass auf dem Weg zu den Camps nicht gleich klar ist, wo das bangladeschische Dorf aufhört und wo das Lager der Flüchtlinge beginnt. Die Grenzen verschwimmen – so berichtet die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation auch, dass die Zahl der Durchfallerkrankungen dank der Arbeit der Hilfsorganisationen im Lager geringer sei als mancherorts außerhalb des Lagers. Dennoch gebe es bislang keinen Widerstand gegen die Flüchtlinge.

          Logistischer Albtraum für das Protokoll

          Gabriel spricht von einer doppelten Aufgabe: Integration und Rückführung – Vokabeln, mit denen er aus der deutschen Flüchtlingsdebatte nur allzu vertraut ist. Er sagt weitere 20 Millionen Euro für die Versorgung der Muslime aus dem südostasiatischen Nachbarstaat zu. Das sei schon eine dramatische Lage. „Was wir hier gesehen haben, ist eine katastrophale Lebenssituation für die Menschen hier“, sagt er. Mitreisende und heimische Journalisten umkreisen Gabriel derweil. Das macht viele Flüchtlinge neugierig. Ein kleines Gedränge entsteht, bis ein örtlicher Polizist, um dessen Brust ein Sturmgewehr hängt, die Leute vertreibt.

          Ein Soldat mit Gewehr bewacht im Flüchtlingslager Kutupalong den Besuch von Außenminister Gabriel.

          Der Deutsche ist gemeinsam mit den Außenministern aus Schweden und Japan, Margot Wallström und Taro Kono, sowie der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini nach Bangladesch gereist. Anlass ist das Außenministertreffen der Asem-Staaten am Montag in Burma. Da die Flüchtlingskrise ohnehin in Naypyidaw auf der Agenda der Zusammenkunft europäischer und asiatischer Staaten steht, hatten mehrere westliche Diplomaten die Idee, sich in Bangladesch ein Bild von der Lage zu machen. Am Ende beschloss man, gemeinsam nach Cox’s Bazar zu fahren. Mehrere westliche Delegationen in einem Flüchtlingslager bei tropischen Temperaturen – ein logistischer Albtraum für das Protokoll.

          Weiterreise nach Burma

          Für die Hilfsorganisationen von UNHCR bis IOM allerdings auch eine Chance. Das Briefing der Minister hatte man bestens vorbereitet: Man bittet um politische Unterstützung für die bangladeschische Regierung, die exzellente Arbeit leiste. Und man bittet auch um weitere finanzielle Unterstützung für die Hilfsorganisationen. Ein Drittel der Bevölkerung der Lager befinde sich in einer akuten Notlage – physisch oder psychisch. Viele seien durch die gewaltsame Vertreibung aus Burma traumatisiert. Weitere Flüchtlinge machten sich auf den Weg. „Es ist noch nicht vorbei“, sagt die Mitarbeiterin der Hilfsorganisation. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht von der „am schnellsten wachsenden Flüchtlingskatastrophe“ weltweit.

          Am Sonntagabend reist Gabriel weiter nach Naypyidaw, der Hauptstadt Burmas. Mit in der deutschen Maschine wird sein bangladeschischer Kollege sitzen. Der will mit Aung San Suu Kyi, der faktischen Staatschefin und Außenministerin Burmas, über ein Rückführungsabkommen sprechen. Auch Gabriel will mit der Friedensnobelpreisträgerin, der vorgeworfen wird, kaum etwas zur Lösung der Flüchtlingskrise beizutragen, das Gespräch suchen. Eigentlich hatten sich die Europäer erhofft, nach der Öffnung des Landes über andere Themen sprechen zu können.

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