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Sieg für die Piraten : Mission abgebrochen

Noch im September 2008 konnte die GSG9 nach einer Geiselbefreiung in Ägypten zufrieden heimkehren Bild: AP

Unter dem Beifall somalischer Piraten wurden sie heimgeschickt: Die Spezialkräfte der GSG 9 mussten ihre Mission an Afrikas Küste abbrechen. Die Ausstattung vor Ort muss besser werden. Sonst wird die Lösegeldziege Deutschland immer wieder gemolken.

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          Die ruhmlose Heimkehr der GSG 9 von Afrikas Küste wirft lange Schatten. Unverrichteter Dinge sind in der vergangenen Woche zweihundert Polizisten und Kampftaucher zurückgekehrt, die ausgesandt worden waren, um die Besatzung des deutschen Frachters „Hansa Stavanger“ aus der Hand somalischer Piraten zu befreien.

          Die Bundespolizisten sind über den Abbruch ihrer Mission enttäuscht, nicht zuletzt deshalb, weil sich mit dem Namen Somalia und der Hauptstadt Mogadischu die Sternstunde dieser Truppe verbindet, nämlich die zum Mythos gewordene Befreiung des Lufthansa-Flugzeugs „Landshut“ aus den Händen palästinensischer Terroristen im September 1977. Aber auch Deutschland hat diesmal eine Demütigung einstecken müssen, als seine beste Spezialeinheit unter dem Beifall somalischer Piraten vom amerikanischen Oberkommando nach Hause geschickt wurde.

          Bis zuletzt war der GSG-9-Kommandeur der Meinung, die Operation könne gelingen. Auch die amerikanische Admiralin auf dem Hubschrauberträger „USS Boxer“ traute angeblich den deutschen Übernachtungsgästen auf ihrem 40.000-Tonnen-Schiff zu, die „Hansa Stavanger“ im kühnen Handstreich zu befreien.

          Mit Somalia und Mogadischu verbindet die Truppe die Befreiung der Lufthansa-Maschine „Landshut” 1977

          Piraten lieben deutsche Geiseln

          Vertrauen in das Können von GSG 9 und Kampftauchern der Marine hatten wohl auch die politisch Verantwortlichen in Berlin. Außenminister Steinmeier (SPD), Verteidigungsminister Jung und Innenminister Schäuble (beide CDU) waren einig über Ziel und Weg - das jedenfalls wird offiziell und inoffiziell beteuert.

          Deutschland wollte unter Piraten und anderen Entführern den Ruf verlieren, es sei ein zuverlässiger und ansonsten harmloser Lösegeldzahler. Denn die militärisch-polizeiliche Harmlosigkeit des Staates wirke, so die Analyse, geradezu magnetisch auf risikobewusste Kidnapper.

          Glücklich sei der Pirat, der einen Deutschen erwische, während man es beispielsweise bei Franzosen mit einem nervös-aggressiven Gegner zu tun habe, der einem die Kampfhubschrauber auch schon mal bis ins somalische Wohnzimmer hinterherschicke.

          Der Streit um den Einsatz wurde an den Spezielkräften ausgelassen

          Doch an irgendeiner Stelle in der allzu langen Kette der Verantwortlichen und Zuständigen in deutschen und amerikanischen Stellen haben Zweifler, Mahner und vielleicht auch Zyniker Sand ins Getriebe gestreut. Vielleicht gab es Amerikaner, die mit gezielter Demütigung alte Rechnungen aus dem Irak-Krieg begleichen wollten.

          Womöglich missfiel deutschen Militärs der Gedanke, die Polizei könne eine Aufgabe erledigen, zu der die Bundeswehr nicht fähig sei. Eventuell klebt das Selbstbewusstsein der Bundespolizeiführung noch immer an den Vorstellungen des ehemaligen innerdeutschen Bundesgrenzschutzes.

          Ehe man allerdings auf diese Weise unbekannten Verwaltern und anonymen Apparaten Vorhaltungen macht, sollte zumindest in Erwägung gezogen werden, dass sie als bürokratisch-nüchterne Scharniere zwischen couragierten Politikern und tatendurstigen Einsatzkräften vielleicht das Richtige getan und so verhindert haben, dass Geiseln starben und Polizisten im Einsatz getötet wurden.

          Das Ringen zwischen Befürwortern und Kritikern des Einsatzes wurde aber jedenfalls (mit Steuergeldern) auf dem Rücken der Spezialkräfte ausgetragen, die mit Mann und Material erst von Deutschland nach Kenia verfrachtet und dann auf der „Boxer“ in Stellung gebracht wurden, ehe man sie zwei Wochen später von dem Hubschrauberträger wieder nach Hause schickte.

          Zwischen dem Abflug aus Bonn und dem Abbruch der Aktion blieben die örtlichen Gegebenheiten praktisch unverändert. Es entstanden also keine Hindernisse, die nicht schon vorher da gewesen wären.

          Die einzige Option bleibt wie so oft das Portemonnaie

          Natürlich kann man beklagen, dass die maritime Kleinmacht Deutschland keinen eigenen Hubschrauberträger besitzt. Es ist auch unangenehm, dass unsere Soldaten und Polizisten große Flugzeuge für Lufttransporte bei ukrainischen Firmen mieten müssen. Daran ist aber derzeit aus eigener Kraft wenig zu ändern.

          Vielleicht gelingt es mit europäischen (und verlässlichen amerikanischen) Partnern, am Horn von Afrika einen gemeinsam zu nutzenden Fahrzeugpool aufzubauen, aus dem sich die jeweiligen Befreiungskommandos dann jeweils bedienen können, ohne dass ihnen ein Herr Jones, Smith oder Schmidt reinredet.

          Bei der europäischen Grenzsicherung hat man mit einer solchen „Toolbox“ (Werkzeugkasten) bereits Erfahrungen gemacht; allerdings sind die nicht rundum ermutigend.

          In der gegenwärtigen brenzligen Situation am Piratenhorn von Afrika wäre es deshalb kurzfristig praktisch, ein hinreichend großes Piraterie-Kommando zumindest in der Nähe der Tatorte zu stationieren. Dazu müssten allerdings Zuständigkeiten und Fähigkeiten zwischen Polizei oder Militär abermals geklärt werden. Denn Koordinierung und Aufgabenteilung zwischen Spezialkräften der Polizei und denen der Bundeswehr scheinen verbesserungsfähig zu sein.

          Die gegenwärtige Lage ist zweifellos die schlechteste: deutsche Geiseln in Piratenhaft, die GSG 9 frustriert in Sankt Augustin und die einzig verbleibende deutsche Option, wie so oft, das aufgerissene Portemonnaie.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

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