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: Sie trauen sich keine zehn Zentimeter weit über den Weg

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Man stelle sich vor: Der Staat unterstützt die Kirchen zur Pflege des christlichen Erbes, zahlt die Unterstützung aber nur an die katholische Kirche und erwartet von dieser, sie möge die Gelder anteilmäßig an die Protestanten weiterleiten.

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          Man stelle sich vor: Der Staat unterstützt die Kirchen zur Pflege des christlichen Erbes, zahlt die Unterstützung aber nur an die katholische Kirche und erwartet von dieser, sie möge die Gelder anteilmäßig an die Protestanten weiterleiten. Dort kommt das Geld gar nicht oder in winzigen Dosen an; die Katholiken argumentieren, nicht jeder Protestant sei Christ, das müsse man erst prüfen. So absurd sich das Gedankenexperiment vor christlichem Hintergrund ausnimmt, so nahe kommt es der jüdischen Realität. Seit zwölf Jahren streiten in Sachsen-Anhalt orthodoxe und liberale Gemeinden um ihren Anteil am Landeszuschuss. Derselbe Konflikt beginnt in Schleswig-Holstein neu zu gären, während sich in Brandenburg eine ultraorthodoxe Gemeinde diskriminiert sieht. Bald wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden und so auch die Frage beantworten: Wer darf in Deutschland bestimmen, wer Jude ist?

          Wen immer man zu den Auseinandersetzungen in Halle an der Saale befragt, der schüttelt den Kopf. Es sei ein Stück aus dem Tollhaus, dass hier zwei jüdische Gemeinden partout keinen Frieden finden. Goldene Brücken habe man gebaut, in beide Richtungen, doch unüberwindlich sei das gegenseitige Misstrauen. Der zuständige Staatssekretär im Magdeburger Kultusministerium, Wilfried Willems, seufzt: Keine zehn Zentimeter trauten sich die Kontrahenten über den Weg. Ähnlich äußert sich der Zentralrat der Juden. Wie kam es dazu? Welchen Kampf fechten Liberale und Orthodoxe eigentlich aus, jenseits des Geldes?

          Max Privorozki, geboren 1963 in Kiew, 1990 nach Deutschland eingewandert, ist nicht das, was man sich unter einem orthodoxen Juden vorstellt. Die Kippa trägt der stattliche Mann mit der tiefen, gurgelnden Stimme nur in der Synagoge oder wenn Rabbiner Moshe Flomenmann den Raum betritt. Seine erste Frau war keine Jüdin, seine zweite ist es nicht minder. Die Gottesdienste aber werden im orthodoxen Ritus gehalten: Frauen und Männer sitzen getrennt, ein Vorhang zwischen ihnen, die Orgel schweigt. Die "Jüdische Gemeinde" ist mit ihren rund 700 Mitgliedern die Heimstatt der Hallenser Orthodoxie. So war es, als Privorozki, der studierte Mathematiker, 1999 den Vorsitz übernahm. So soll es bleiben.

          Karl Sommer kennt die "Jüdische Gemeinde" von innen. Sie war sein Anlaufpunkt, als der gebürtige Hallenser, Jahrgang 1938, nach der Wende aus Westdeutschland zurückkehrte. Er suchte das Grab der Großeltern auf dem jüdischen Friedhof. Er stand vor der Synagoge, die sein Großvater erbaut hatte. Er sprach mit den "sieben alten Leutchen", aus denen die Gemeinde damals noch bestand; er möge doch hier bleiben, bat man ihn. Karl Sommer blieb tatsächlich, er engagierte sich, kandidierte für den Vorsitz - und unterlag. Im Juli 1996 gründete er die "Synagogengemeinde Halle". Namen und Ausrichtung knüpfen an die Tradition an: "Halle", sagt Sommer, "war immer liberal. Erst nach der Wende wurde die Gemeinde vom Zentralrat zwangsorthodoxiert." Seine Synagogengemeinde begreift sich als "Sammelgemeinde aller konservativ-liberalen, liberalen und reformierten Juden im Bundesland Sachsen-Anhalt". Darum werde ihr der Zuschuss vom "Landesverband der orthodox konfessionierten Juden" (Sommer) vorenthalten.

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