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Münchner Sicherheitskonferenz : Das Narrativ der Migration verändern

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge warten vor der libyschen Küste auf einen Rettungseinsatz von SOS Méditerranée und italienischer Küstenwache. Bild: dpa

Wir sollten uns lieber an das Phänomen Migration gewöhnen. Denn diese Herausforderung wird nicht verschwinden – und kein Land kann sie allein bewältigen. Ein Gastbeitrag.

          Migration ist und bleibt ein globales Phänomen. Der Ausbau legaler Migrationsmöglichkeiten, die Bekämpfung ihrer Ursachen, die Sicherung der Grenzen Europas, sowie die Integration von Migranten in den Aufnahmegesellschaften bilden hierbei Europas vier zentrale Herausforderungen. Unglücklicherweise sehen die Menschen Migration jedoch zunehmend als Bedrohung und nicht als Chance ­– dem würde ich gerne etwas entgegensetzen. 

          Aus taktischen Erwägungen verzerren insbesondere in Europa populistische Parteien das Narrativ von Migration. Über die Abgrenzung „der Anderen“ hoffen sie, den Mythos einer homogenen Gesellschaft zu verbreiten. Handfeste Lösungen wurden angesichts der großen Zahl von Asylsuchenden und Migranten als verzweifelte Antwort auf politische Stimmungsmacher zunehmend attraktiv und so kam es zum Bau von Grenzzäunen, die symbolisch die „Festung Europa“ wiederbelebten und eine Politik der Isolation beförderten.

          Hier geht es zum Artikel in englischer Sprache. Please click here if you would like to read the article in English. 

          Wie ein Blick in die Geschichte zeigt, hält die abschreckende Wirkung von Mauern und Grenzbefestigungen in der Regel nur kurze Zeit an. Daher braucht es dringend langfristig tragbare Lösungen, die auf der Erkenntnis gründen, dass Migration ein dauerhaftes Phänomen ist, das nicht von einem Staat alleine sondern nur durch grenzübergreifende Kooperation gelöst werden kann. Erst wenn die internationale Gemeinschaft ihr Verständnis von Migration ändert, wird es möglich sein, erfolgreich mit der globalisierungsbedingt beschleunigten Migrationsbewegung umzugehen.

          Imen Ben Mohamed ist Munich Young Leader 2018 und Abgeordnete der Ennahdha-Partei im tunesischen Parlament.

          Fokus der Diskussion muss dabei der positive Beitrag von Migranten für die Herkunfts- und Aufnahmeländer sein. Meine eigene Familiengeschichte ermutigt mich täglich dazu, Botschafterin und Verfechterin eines neuen konstruktiven Narrativs von Migration zu sein.

          Wie so viele Tunesier in den vergangenen 50 Jahren floh auch meine Familie vor politischer Verfolgung. Als ich 14 war, zogen wir nach Italien, wo mein Vater im politischen Exil lebte und wo ich studiert habe. Nach der Revolution beschloss ich, nach Tunesien zurückzukehren und in der Verfassungsgebenden Versammlung und dem tunesischen Parlament beim Aufbau unserer jungen Demokratie mitzuhelfen. Als junge, muslimische Demokratin und Mitglied der Ennahda Partei bin ich Teil einer neuen Generation, die eine Brücke zwischen den beiden Welten südlich und nördlich des Mittelmeeres schafft. Für mich ist es persönlich bereichernd und ich halte es für äußerst wichtig, die Idee junger „Ara-päer“ (sich gleichermaßen arabisch als auch europäisch fühlende Menschen) zu verbreiten, die in mehr als einem Land zu Hause sind.

          Migration und der Arbeitsmarkt

          In Zusammenhang mit dem Thema Migration wird viel über Tunesien geschrieben. Zwar ist Tunesien nur ein kleines Land, dennoch ist es gleichermaßen Aufnahme-, Heimat-, und Transitland. Eine ganze besondere Leistung Tunesiens war die Aufnahme von bis zu einer Millionen Libyern seit der libyschen Revolution, eine Zahl, die rund zehn Prozent der tunesischen Bevölkerung entspricht. Es lässt sich allerdings beobachten – und meine eigene Geschichte mag da als Beispiel dienen –, dass Migranten bereitwillig zum Wiederaufbau ihrer Länder nach Hause zurückkehren, sobald sich Konflikte lösen.

          Daher verfechte ich einen Ansatz, der die Möglichkeiten und Chancen von Migration positiver sieht. Insbesondere tragen Aufnahmeländer die Verantwortung, Migranten so viel mitzugeben, wie sie können, denn dies wird für die globale Entwicklung langfristig eine große Wirkung entfalten. Angesichts der rapide alternden europäischen Bevölkerung können Migranten den drohenden Arbeitskräftemangel ausgleichen helfen. Migranten bringen Qualifikationen mit, mit denen sie zur Entwicklung des Humankapitals in den jeweiligen Aufnahmeländern beitragen.

          Kurzfristig können Migranten dabei helfen, den Bedarf an hoch und gering qualifizierten Arbeitskräften in den Aufnahmeländern zu decken. Langfristig sammeln Migranten Berufserfahrung und ihre neuerworbenen Qualifikationen passen bei ihrer Rückkehr bestens zu den Anforderungen ausländischer Investoren. 

          Um das volle Potential von Migration auszuschöpfen, müssen die EU und benachbarte Partnerstaaten einen umfassenden Rahmen für organisierte Migrationsformen entwickeln. Ein solcher Rahmen müsste Migranten als transnationales Netzwerk verstehen, die lokale sozioökonomische Aktivitäten stärken und die mit den Überweisungen in die Heimat bedeutende Mengen an Kapital bewegen und so das Wirtschaftswachstum in den Heimatländern ankurbeln.

          Brücken bauen zwischen der EU und Tunesien

          Meiner Ansicht nach können Gesellschaften wie Tunesien, die von Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Freiheitsrechten geprägt sind und daher durchaus Werte mit der Europäischen Union teilen, von einer bevorzugten assoziierten Partnerschaft profitieren. Solch eine Partnerschaft könnte Austauschprogramme wie Erasmus umfassen, im Sinne eines akademischen und privatwirtschaftlichen Austauschs, der Dialog und Vielfalt befördert. Auf dieser Basis könnten europäische Länder Unternehmen dazu ermutigen und sie dabei unterstützen, in diesen Partnerländern zu investieren. Beides würde qualifizierte Arbeitskräfte hervorbringen, von denen alle profitieren würden.

          Meiner Ansicht nach ist dies keine Zeit, in der wir nur trügerisch sichere Festungen bauen sollten, vielmehr müssen wir die Rechte von Migranten respektieren, zu denen sich alle Staaten verpflichtet haben, die die internationalen Konventionen und Verträge unterschrieben haben. Tatsächlich brauchen wir tiefergreifende und umfassendere Partnerschaften, die unterstreichen, dass Migration positiv und notwendig ist. Tunesien sollte zum zentralen strategischen Partner der EU in dieser Frage avancieren.

          Europa und Tunesien stehen vor den gleichen Herausforderungen, die durch die Globalisierung noch verstärkt werden, hierzu gehören etwa Terrorismus und Migration. Diese Fragen können wir daher langfristig nur mit einer gemeinsamen Migrations- und Sicherheitspolitik angehen, die allen Partnern sowohl soziale als auch ökonomische Vorteile bringt. 

          Die Autorin, Imen Ben Mohamed, ist Munich Young Leader 2018 und Abgeordnete der Ennahdha-Partei im tunesischen Parlament.

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