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Sicherheitskonferenz : Amerika, Europa und die Flüchtlingskrise

  • -Aktualisiert am

Protestanten in Texas fordern die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien. Bild: AFP

Die Flüchtlingskrise in Europa wird in Amerika durchaus wahrgenommen. Die Sicht darauf spiegelt die eigenen Erfahrungen wider. Dabei scheint die Gesellschaft aber entlang einer bestimmten Linie gespalten. Ein Gastbeitrag.

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          Die Ereignisse in Europa bereiten den Amerikanern zunehmend Sorge. Auch wenn die Eurokrise abgewendet scheint, haben die Volkswirtschaften des Euroraums weiterhin mit niedrigen Wachstumsraten zu kämpfen. Europaweit stellen politische Parteien die Legitimität der Union in Frage, in Großbritannien wird gar mit Austrittsgedanken gespielt. Allein dies könnte in den Vereinigten Staaten den Eindruck erwecken, dass die transatlantische Gemeinschaft vor einer Zerreißprobe steht.

          Hinzu kommt nun die Flüchtlingskrise, die Deutschland auf eine harte Probe stellt. Die Bundesregierung muss nicht nur tausende Einwanderer integrieren, sondern gleichzeitig das Bekenntnis zu einer offenen Gesellschaft und zur Rechtsstaatlichkeit wahren. Schließlich bilden diese Prinzipien das Fundament Europas. Mit Sorge blicken die Vereinigten Staaten auf ein drohendes Scheitern der europäischen Institutionen. Die Fähigkeit der Union, den aktuellen Herausforderungen zu begegnen und gleichzeitig ihre Grundwerte aufrecht zu erhalten, scheint begrenzt.

          Die amerikanische Sicht auf die europäische Flüchtlingskrise spiegelt unsere eigenen Erfahrungen wider: Wir führen fortwährend hitzige Debatten über die Aufnahme hochqualifizierter Migranten, über die Eingrenzung illegaler Einwanderung und die Legalisierung der mehr als elf Millionen Einwanderer, die derzeit ohne offiziellen Status in Amerika leben. Auch die Fragen nach einem zweisprachigen Bildungssystem, der Überlastung der sogenannten Einwanderungsgerichte oder des Zugangs von Immigranten zur Grundversorgung sind weiterhin stark umstritten. Nichtsdestotrotz gehen hunderttausende Einwanderer in den Vereinigten Staaten einer regulären Arbeit nach und tragen zum „American Way of Life“ bei.

          Fast die Hälfte will mehr tun

          Als Antwort auf die Flüchtlingskrise haben sich die Vereinigten Staaten verpflichtet, die Gesamtzahl der Flüchtlinge, die sie in den kommenden Jahren aufnehmen werden, von 70.000 auf 100.000 zu erhöhen. Bislang setzt die Washingtoner Regierung in der Diskussion um die Zukunft Syriens auf eine politische Lösung, die Absetzung von Präsident Baschar al Assad und die Zerschlagung des sogenannten „Islamischen Staats“. Die Vereinigten Staaten stellen nach wie vor – knapp vor Deutschland – den größten Teil der humanitären Hilfe zur Verfügung: 4,5 Milliarden Dollar kamen seit Beginn der Krise mehr als sechs Millionen Syrern zu Gute. Zweifellos hätten sich ohne dieses Geld noch weit mehr Flüchtlinge auf die gefährliche Reise nach Europa gemacht.

          Für die meisten Amerikaner hat die Krise Europas allerdings keine Priorität. Ihr Fokus liegt auf dem aktuellen Präsidentschaftswahlkampf, der Bekämpfung des Terrorismus und den Beziehungen zu China, Russland und den Ländern des Nahen Ostens. Die Sicht der amerikanischen Öffentlichkeit auf die Flüchtlingskrise zeigt sich in unseren innenpolitischen Diskussionen: Zustimmung oder Ablehnung zu der jüngst von der amerikanischen Regierung getroffenen Entscheidung, 10.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen, hängt vor allem von der Partei- und Religionszugehörigkeit ab. Evangelikale Christen zeigen sich skeptisch, während eine Mehrheit der Katholiken oder Protestanten sie befürworten. Laut der jüngsten Umfrage des Pew Research Center glaubt ein Drittel der befragten Amerikaner, dass die Vereinigten Staaten genug für Europa leisteten – fast die Hälfte ist dagegen der Meinung, das Land solle mehr tun.

          Vergangenen Monat hat Präsident Obama mit Bundeskanzlerin Merkel über die Flüchtlingskrise gesprochen. Er lobte ihre Führungsstärke und kündigte an, während der UN-Generalversammlung im September einen Sondergipfel zum Thema einzuberufen. Da eine Mehrheit der Amerikaner glaubt, dass die Vereinigten Staaten zumindest ein gewisses Maß an Verantwortung für die Krise tragen, kann Europa in den kommenden Jahren mit größerem Beistand aus Amerika rechnen.

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