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Zweites nukleares Zeitalter : Das Risiko eines Atomwaffeneinsatzes steigt

  • -Aktualisiert am

Test: Nach der Explosion einer französischen Atombombe 1971 schwebt ein Atompilz über dem Mururoa-Atoll. Bild: dpa

Wenn es um Kernwaffen geht, wollen die Deutschen immer nur wissen: Wer schützt uns vor den Russen? Leider ist das die weniger wichtige Frage. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Die nuklearpolitische Debatte in Deutschland bleibt gefangen im Gedankenkorsett eines schnell verschwindenden Zeitalters. Weil Deutschland keine Atomwaffen hat oder haben will, bleibt es eher Nehmer- als Geberland in Fragen der nuklearen Abschreckung und Rüstungskontrolle. Deutsche Sorgen lassen sich auf eine Frage reduzieren: Wenn die Amerikaner sich als unzuverlässig erweisen, wer schützt uns vor den Russen?

          Daher lauschten manche vorige Woche gespannt dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron: Würde er neue Akzente der französischen Nuklearpolitik erkennen lassen? Macron verwies durchaus auf neue sicherheitspolitischen Herausforderungen. Doch vor allem bekräftigte er eine harte Realität: Frankreich ist nicht bereit, seinen atomaren Schutzschild auf seinen engsten Nachbarn auszudehnen. Nicht bereit, den europäischen Verbündeten eine nukleare Teilhabe anzubieten. Nicht bereit, den nuklearen Planungsmechanismen der NATO anzugehören.

          Unser Autor Daniel S. Hamilton ist Richard von Weizsäcker Fellow an der Robert Bosch Akademie in Berlin und lehrt an der Johns Hopkins Universität in Washington.

          Macron erklärte sich lediglich dazu bereit, interessierten EU-Ländern (aber anscheinend nicht allen NATO-Bündnispartnern, zu deren Schutz Frankreich sich verpflichtet hat) einen „strategischen Dialog“ über französische Atomwaffen anzubieten. Es lebe Charles de Gaulle.

          Besonders kurios an Macrons Rede war die evidente Spannung zwischen seiner Abneigung, an der Grundorthodoxie der französischen Nuklearpolitik zu rütteln, und seiner Einsicht, dass sich der Kontext, in dem solche Fragen debattiert werden, grundlegend ändert. Die deutsche Debatte ist auf dem ersten Aspekt fixiert. Dafür ist der zweite viel wichtiger.  

          Das Erste Nuklearzeitalter ist vorbei

          Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg mit dem ersten und – bis heute – einzigen Einsatz von Atomwaffen. Seitdem hat die Welt gelernt, mit der Bombe zu leben. Doch diese Welt -- das erste Nuklearzeitalter – ist zu Ende gegangen.  

          Angebrochen ist ein zweites Nuklearzeitalter – instabiler und komplexer; unsicherer und fehleranfälliger; weniger vorhersehbar oder handhabbar als das bisherige Nuklearzeitalter. In dieser neuen Ära steigt das Risiko, dass Atomwaffen tatsächlich eingesetzt werden. Ursächlich dafür sind drei entscheidende Entwicklungen.

          Erstens ist die weitgehend bipolare nukleare Ordnung des Kalten Krieges einer polyzentrischen nuklearen Unordnung gewichen. Auch wenn die Vereinigten Staaten und Russland immer noch 90 Prozent aller Atomsprengköpfe kontrollieren, ist das bilaterale Gleichgewicht des Schreckens zwischen Washington und Moskau für die strategische Stabilität heute viel weniger zentral. Es gibt mindestens sieben weitere Nuklearmächte, die sich nicht unbedingt an die Regeln halten, welche die beiden Supermächte im Laufe von fünf Jahrzehnten entwickelt haben. Und die Möglichkeiten nichtstaatlicher Akteure, an nukleares Material zu gelangen, haben sich erheblich erweitert. 

          Nur noch Sekunden Reaktionszeit

          Zweitens verändern neue Technologien das Verhältnis zwischen nuklearen und nicht-nuklearen Waffen. Streitkräfte akquirieren nicht-nukleare Waffen, die inzwischen die gleiche Zerstörungswirkung entfalten können wie Atomwaffen. Neue nukleare und nicht-nukleare Systeme sind heutzutage so schnell, präzise und leistungsfähig, dass sie schwer zu verfolgen, abzufangen und abzuwehren sind. Die Reaktionszeiten sind auf Minuten oder sogar Sekunden geschrumpft.

          Macron am 7. Februar an der Ecole Militaire, wo er eine Rede zur nuklearen Abschreckung hielt.

          Drittens hat der Einfluss der Rüstungskontrolle und anderer Mechanismen abgenommen, die das Risiko eines Nuklearwaffeneinsatzes steuern und senken sollen. Die Grundprinzipien, auf denen das erste Nuklearzeitalter beruhte – die Aussicht auf sichere gegenseitige Vernichtung sowie die Nichtverwendung und Nichtverbreitung von Atomwaffen – werden in Frage gestellt.

          In einem Jahr läuft New START aus, der letzte amerikanisch-russische Rüstungskontrollvertrag, der seit Jahren die strategischen Atomwaffenarsenale beider Seiten begrenzt. Ohne weitere Anstrengungen scheint eine Neuverhandlung unwahrscheinlich. Zudem hat keine der anderen Atommächte jemals Anstrengungen unternommen, vertrauensbildende Maßnahmen mit anderen Atommächten einzuleiten.

           „Wir dürfen keine Zuschauer bleiben“, sagte Macron. Er hat Recht. Deutschland kann einen Beitrag leisten, in dem die Debatte hierzulande sich nicht nur darum dreht, wer die Deutschen schützt, sondern wie Deutschland aktiv mit seinen Verbündeten und mit anderen Partnern weltweit die neuen Regeln des zweiten nuklearen Zeitalters mitgestaltet. Deutschland wird nicht die leitende Rolle spielen, kann und muss aber aus eigenen Interessen mehr Sicherheit exportieren, als es das heutzutage wagt.

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