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Terrorgefahr für Deutschland? : Europas Dschihadisten auf dem Vormarsch

Endstation Melilla: Spanische und marokkanische Polizei nehmen Mitte Dezember sieben Personen fest, die Frauen für den Dschihad in Syrien rekrutieren wollten Bild: Reuters

Den radikalislamischen Gruppierungen im Irak und Syrien laufen Kämpfer aus der ganzen Welt zu. Häufig sind es Europäer. Der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz rechnet darum mit Terroranschlägen auch in Deutschland.

          Die islamistischen Kriegsparteien in Syrien und im Irak sind Koalitionen der Willigen, deren Mitglieder aus der ganzen Welt kommen. Das dokumentieren Zahlen, die am kommenden Montag im ersten Sicherheitsreport der Münchner Sicherheitskonferenz veröffentlicht werden und nach Ländern aufgeschlüsselt sind.

          Eine tragende Rolle spielen demnach Freiwillige aus Europa. Der Kontinent ist offenbar die zweitwichtigste Rekrutierungsregion für den „Islamischen Staat“ und konkurrierende Extremistengruppen aus der Region. Allein aus Frankreich sollen bis Dezember 2014 insgesamt 1200 Kämpferinnen und Kämpfer dorthin gelangt sein. Aus Deutschland und Großbritannien reisten zwischen 500 und 600 Gotteskrieger an, aus Belgien 440 – ein trauriger Spitzenwert, gemessen an der Zahl von elf Millionen Einwohnern. Hunderte Dschihadisten kamen zudem aus zahlreichen weiteren EU-Ländern sowie mehreren Balkan-Ländern und der Türkei ins Kriegsgebiet.

          Erfasst wurden in den Daten, die vom in London ansässigen International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR) stammen, sämtliche sunnitischen Gotteskrieger; unabhängig davon, ob sie vor Ort kämpfen, getötet wurden oder das Kriegsgebiet bereits wieder in Richtung ihrer Heimatländer verlassen haben. Im Umkehrschluss heisst das, dass Anhänger der schiitischen  Hizbullah, die auf Seiten des Assad-Regimes kämpft, nicht erfasst werden.

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          Für den Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, sind die Zahlen mit Blick auf Europa alarmierend. Es gebe kein Patentrezept, wie man mit heimkehrenden Kämpfern umgehen könne, die radikalisiert - und durch die Kriegsfolgen zudem verroht – seien. „Es wäre fast ein Wunder, wenn Deutschland hiervon verschont bleiben würde,“ so Ischinger. Die Bundesrepublik müsse auf solche Anschläge eingestellt sein.

          Während Europa das zweitwichtigste Rekrutierungsgebiet der Dschihadisten ist, kommt das Gros der ausländischen Kämpfer  aus Staaten des arabischen Krisenbogens, vor allem aus Saudi-Arabien, Tunesien, Marokko und Jordanien. Aus diesen Ländern strömten zwischen 2011 und Ende 2013 offenbar je mindestens 1500 sunnitische Kämpfer nach Syrien und in den Irak. Neuere Angaben weist der Munich Security Report für die genannten Länder nicht aus.

          Aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion tritt vor allem Russland hervor. 800 bis 1500 Kämpfer stammen demnach von dort. Weitere Hundertschaften folgten dem Ruf der Islamisten aus den Staaten des Kaukausus, aber auch aus China, Pakistan, den Vereinigten Staaten und Australien.

          Die Schätzung der Zahl ausländischer Kämpfer in der Region ähneln in der Summe den Angaben eines im November 2014 veröffentlichten Berichts der Vereinten Nationen, nach dem die Zahl ausländischer Kämpfer im Irak und Syrien rund 15.000 Personen umfassen soll. Die Vereinten Nationen waren davon ausgegangen, dass die Gotteskrieger aus bis zu 80 Staaten stammen.

          Grund zur Sorge bereitet auch der Zulauf zu radikalislamischen Terrorgruppen und Milizen außerhalb Irak und Syriens. Laut Erhebungen der amerikanischen Denkfabrik RAND Cooperation hat die Zahl der kampfbereiten Dschihadisten weltweit seit Beginn der sogenannten „Arabellion“ im Jahr 2011 rasant zugenommen. Vorsichtigen Schätzungen folgend verdoppelte sich die Zahl der kriegshungrigen Dschihadisten bei Al Qaida, Boko Haram, IS und anderen Terrorgruppen bis 2013 auf mindestens 40.000. Für möglich hält RAND allerdings auch, dass Ende 2013 schlimmstenfalls bereits 100.000 Islamisten unter Waffen standen.

          Ob sich der Trend angesichts vermeldeter militärischer Erfolge gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ zumindest im Irak und Syrien abschwächt, ist offen. Der amerikanische Botschafter im Irak, Stuart Jones, hatte kürzlich gegenüber dem Fernsehsender Al Arabiya gesagt, die Militärkoalition habe mehr als 6000 IS-Kämpfer getötet. Amerikanische Geheimdienste geben an, dass pro Monat 1000 neue ausländische Kämpfer in die Region einsickern.

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