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Bundeswehr : Wofür selbst Pazifisten sich Soldaten wünschen

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Wie modern müssen Bundeswehr-Gewehre sein? Bild: dpa

Die Streitkräfte sollen Übel von der Heimat fernhalten – wünschen sich neun von zehn Deutschen. Warum fällt es den Politikern so schwer, sie dazu in die Lage zu versetzen? Ein Gastbeitrag.

          Roland Weise, Schulleiter aus Leipzig und dort auch geboren, verweigerte zu DDR-Zeiten den Wehrdienst und durfte deshalb nicht studieren. Er nennt sich nach wie vor Pazifist. Aber, erzählt er, auf Reisen habe gelernt, dass ein Land „wehrhaft sein muss, um sich schützen zu können“. Aus der deutschen Komfortzone heraus sehe die Welt ja oftmals besser aus, als sie in Wirklichkeit sei, sagt er.

          Was bedeutet „wehrhaft“ aber für einen Pazifisten? „Ich denke schon, man braucht eine effektive und schlagkräftige Armee. Deutschland wird ja nicht direkt bedroht, soll aber auch für andere Bündnispartner im Nato-Verbund einstehen.“ Würde dieser Pazifist einem Bundeswehrsoldaten also lieber ein schlechtes oder ein gutes Gewehr geben? Er antwortet sofort: „Ein gutes Gewehr!“

          Weise ist keine Ausnahme. Obwohl zu Wehrpflichtzeiten im Durchschnitt lediglich 23 Prozent aller jungen Männer Wehrdienst leisteten, findet die Bundeswehr auch heute noch Unterstützung weit über ihre  den Kreis ihrer Ehemaligen hinaus. Laut der jährlichen Bevölkerungsbefragung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMS) halten 80 Prozent der Deutschen die Bundeswehr für wichtig. Nur fünf Prozent bezeichnen die Bundeswehr als unwichtig.

          Die Bürger wurden von den Soziologen des ZMS auch zu den Aufgaben der Truppe befragt. 91 Prozent befürworten einen Bundeswehreinsatz, um einen Angriff auf die Bundesrepublik abzuwehren. 87 Prozent sind für Einsätze der Bundeswehr bei Naturkatastrophen; 72 Prozent sind mit Bundeswehreinsätzen im Rahmen der Nato-Bündnisverpflichtungen einverstanden. Nur Einsätze in Konfliktregionen finden keine mehrheitliche Unterstützung: lediglich 46 Prozent der Bevölkerung sind mit ihnen Einsätzen einverstanden.

          Das ist in anderen Ländern ähnlich. Laut einer Studie des Frankfurter Unternehmens PricewaterhouseCoopers Studie haben beispielsweise 73 Prozent der Briten eine positive Einstellung gegenüber den Streitkräften; 89 Prozent bezeichnen die Verteidigung ihres Landes durch die Streitkräfte als wichtig. 79 Prozent der Amerikaner haben Vertrauen in ihre Streitkräfte.

          „Rettungseinsätze und Katastrophenhilfe der Bundeswehr waren schon immer ungemein populär“, sagt Professor Wilfried von Bredow, emeritierter Politologe an der Universität Marburg und Militärsoziologie. „Die Bevölkerung ist jetzt aber ein bisschen weitergekommen als einige Parteien. Einsätze der Bundeswehr im Inneren werden heute zum Beispiel von der Öffentlichkeit akzeptiert, während das politische Berlin sich damit schwer tut.“

          Auslandseinsätze jedoch stellen die Bundesregierung schon lange vor ein Dilemma. Sie finden oft keine Zustimmung, vor allem dann nicht, wenn zu befürchten steht, dass deutsche Soldaten töten müssen oder getötet werden könnten. Diese Gefahr wurde nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten greifbar. Damals schickten zahlreiche Nato-Staaten gegen den Mehrheitswillen in ihren Ländern  Soldaten nach Afghanistan, um dort das Terrornetzwerk Al Qaida zu bekämpfen. Verteidigungsminister Peter Strucks Feststellung, Deutschlands Freiheit werde am Hindukusch verteidigt, spiegelt den Geist jener Zeit wider. In den kommenden Jahren fielen über 50 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Im Jahre 2018 ist der Kampf gegen den Terror noch keineswegs gewonnen, er spielt aber eine untergeordnete Rolle, denn die Sicherheitslage in Europa hat sich deutlich verschlechtert.

          Was aber steht der Bundeswehr heute bevor? nicht unbedingt bewaffnete Konflikte, sondern Abschreckung – die grundlegende Aufgabe von Streitkräften in westlichen Demokratien. „Man kann nett zu jemandem sein und mit ihm verhandeln, aber wenn er einem mit einem Knüppel bedroht, muss man sagen können, ‚ich habe auch so einen Knüppel‘“;sagt Generalleutnant a.D. Bruno Kasdorf, bis 2015 Inspekteur des Heeres.

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