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Shell-Studie 2000 : Jugendliche ohne Interesse, ohne Vertrauen

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Zuversichtlich, aber nicht unbekümmert optimistisch, ernsthaft, illusionslos, aber uninteressiert am konventionellen politischen Betrieb - das sind die wichtigsten Ergebnisse der im März 2000 vorgelegten 13. Shell Jugendstudie.

          2 Min.

          Politik war kein Schwerpunkt der Shell-Jugendstudie, die im März 2000 vorgelegt wurde. Dennoch haben die Forscher einige Fragen zum politischen Verhalten und zu politischen Einstellungen fortgeschrieben. Wesentlicher Befund: Das politische Interesse auf Seiten der Jugendlichen sinkt weiter.

          Die Forscher erinnern ausdrücklich daran, dass ihre Daten vor „jener Kette von Ereignissen erhoben (wurden), die inzwischen `Parteispendenskandal` genannt wird“. Die politische Lähmung der jungen Leute zeige sich verstärkt in den neuen Bundesländern. Das habe zum einen damit zu tun, dass Jugendliche mit dem Begriff Politik die Landschaft von Parteien, Gremien, parlamentarischen Ritualen, politisch-administrativen Apparaten verbinden, der sie wenig Vertrauen entgegenbringen. Zum anderen empfinden Jugendliche die ritualisierte Betriebsamkeit der Politiker als wenig relevant und ohne Bezug zum wirklichen Leben.

          Interesse an Politik sinkt

          Antworteten 1991 noch 57 Prozent auf die Frage nach dem Interesse an Politik mit "Ja", so lag dieser Wert 1996 bei 47 und 1999 - in der aktuellen Studie - bei 43 Prozent (alte Bundesländer 45/ neue Bundesländer 35 Prozent). Die Studie arbeitet heraus, dass die Distanz zur Politik davon abhängt, ob die Jugendlichen glauben, mit ihrer Zukunft zurecht zu kommen oder nicht. "Je belasteter ihnen die Zukunft erscheint, desto mehr lehnen sie den Politikbetrieb ab."

          Dazu passt, dass die Wahlbeteiligung der (deutschen) Jugendlichen seit 1996 insgesamt um mehr als zehn Prozent zurückgegangen ist (von 75,5 auf 64,1 Prozent), im Osten noch etwas stärker als im Westen. Die Wahlbeteiligung sei nicht etwa zu Gunsten einer überzeugten Wahlenthaltung geschrumpft, sondern aufgrund schlichten Desinteresses.

          Jugendlicher Spitzenreiter: CDU

          Gefragt nach der Partei, die sie bevorzugen (es ging nicht um eine Probewahl) entscheiden sich 21,3 Prozent für die SPD. Der CDU stehen 23,5 Prozent nahe, 11,4 Bündnis 90/Die Grünen. Unter den anderen Parteien sticht nur die PDS mit 3,2 Prozent heraus. Bei den Zahlen fällt auf, dass die CDU ihr Potenzial ausweiten konnte (von 15,5 im Jahre 1996 auf 23,5), allerdings war die Studie vor der Parteispendenaffäre um den ehemaligen Parteivorsitzenden Kohl abgeschlossen. Dagegen hat sich die Anhängerschaft von Bündnis 90/Die Grünen seit 1996 fast halbiert.

          Offenbar hat diese Gruppierung den Draht zur Jugend verloren, vermuten die Forscher. Zu schnell habe sich die "Turnschuhpartei" etabliert. Sie werde wahrgenommen als eine Großorganisation wie die anderen Parteien auch, die zwar sagen könne, was sie verhindern, aber nicht, was sie erreichen wolle. Eine Antwort auf die Frage nach neuen Arbeitsplätzen bliebe sie den jungen Leuten schuldig.

          Unscharfes Urteil über die SPD

          "Unscharf" ist das Urteil der Forscher über das Bild der SPD. Nur das traditionelle sozialdemokratischen Milieu erhalte der Partei noch eine gewisse Zustimmung. Das Ausmaß der erlebten Distanz zur Politik hänge davon ab, inwieweit die Jugendlichen glauben, mit ihrer Zukunft zurechtzukommen (und kaum mit Sozialisationseinflüssen). Je belasteter ihnen ihre Zukunft erscheine, desto mehr lehnen sie den Politikbetrieb ab. Konzepte der politischen Bildung, die auf das „Einüben“ von Demokratie abstellen, müssten deshalb eher wirkungslos bleiben. Entscheidend sei vielmehr, den Jugendlichen Ressourcen und Unterstützung zu bieten, ihre Zukunft zu meistern.

          Zum Zeitpunkt der Erhebung (vor der Skandalserie) war die Zahl der Sympathisanten für die CDU/CSU angestiegen. Ihr war es gelungen, junge Menschen, die an Technik interessiert, an Modernität und klarer Lebensplanung orientiert sind, um sich zu versammeln. Die Grünen dagegen haben in dramatischem Umfang Anhänger in der jungen Generation verloren. Für einen anwachsenden organisierten Rechtsradikalismus habe es in der Shell-Studie keine Anhaltspunkte gegeben, „was nicht als Beruhigung missverstanden werden sollte“.

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