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Sexueller Missbrauch : Selektive Empörung

  • -Aktualisiert am

Die Empörung über mehr als hundert Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern an kirchlichen und wohl auch anderen Schulen ist zu Recht groß. Eine einzigartige Straftatserie ist es nicht. Die Opfer von einst haben einen Anspruch auf Mitgefühl, die Kinder von heute aber den auf stärkeren Schutz.

          Die Empörung ist groß. Es geht um Kinder in Deutschland. Die Empörung ist zu Recht groß. Es geht um mehr als hundert Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern durch einige Priester und Ordensleute an kirchlichen und wohl auch anderen Schulen. Eine solch einzigartige Straftatserie verlangt nach rücksichtsloser Aufklärung und strenger staatlicher (wie kirchlicher) Bestrafung der Täter.

          Eine solch einzigartige Straftatserie? Jahrzehntelang flogen in ihrer Gesamtzahl Abertausende Deutsche in entlegene Winkel dieser Erde, um dort straflos Kinder sexuell zu missbrauchen. Die Empörung der bundesrepublikanischen Gesellschaft hielt sich an Grenzen ihres Staates. Erst 1998 entschloss sich die Bundesrepublik, solche Täter der deutschen Justiz zuzuführen.

          Ein Drittel der Opfer aller sexuellen Übergriffe waren Kinder

          Wer alt genug ist, versucht sich auch an die gewiss große Empörung zu erinnern, die beim Bekanntwerden der sexuellen Kindesmissbräuche zum Beispiel im Jahre 1980 aufgebrandet sein muss. Die Bundesrepublik hatte damals ein Viertel weniger Einwohner als heute. Aber die Polizei registrierte 13.165 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern bis zum Alter von 14 Jahren. 77 Prozent der Opfer waren Mädchen, 23 Prozent Jungen. Ein Drittel der Opfer aller sexuellen Übergriffe und Missbräuche im Lande waren Kinder, auf die übrige Bevölkerung, also auf alle Jugendlichen und Erwachsenen, entfielen insgesamt nur doppelt so viele Fälle wie auf die Schutzlosesten.

          Haben wir nicht alle auch noch die sicher jahrelang andauernde Empörung der bundesrepublikanischen Gesellschaft im Ohr, als mit der weitgehenden Freigabe der Pornografie auch die Hintertür zum Untergrundverkehr der pornografischen Erzeugnisse unter „Verwendung“ von Kindern und Babys knarrte? Und braust nicht jedesmal die gemeinschaftliche Empörung über die Hunderte von „Tatverdächtigen“ durchs Land, wenn die Polizei mit europaweitem Aufwand wieder einen Kinderporno-Ring „sprengt“ – während der nächste sich schon bildet? Oder dröhnt eigentlich nur das brüllende gesamtgesellschaftliche Schweigen bei all diesen Verbrechen in den Ohren?

          Patentrezept lautet „l öschen statt sperren“

          Kaum hat sich der Gesetzgeber zu dem Notbehelf durchgerungen, im Internet vor kinderpornografische Darstellungen ein Stoppschild zu stellen, schreiben sich die Liberalen unter Führung der Justizministerin die Beseitigung dieser angeblichen Zensur im weltweiten Netz auf die Fahnen. „Löschen statt sperren“ lautet das neue Patentrezept. Doch wie will der deutsche Gesetzgeber Arm in Arm mit den Behörden die Feuer löschen, die jenseits der Landesgrenzen oder gar der Ozeane gezündet werden und deren schrecklicher Schein bis hierher flackert?

          Es ist die alte Masche deutscher Rechtspolitik, das Beste zu versprechen, um das Bessere zu verhindern, nachdem das Gute untergraben ist. Was sollte nicht alles an gesellschaftlichen Bestzuständen erreicht werden mit den Strafrechtsreformgesetzen im Geiste der späten sechziger Jahre, die der Augsburger Bischof Mixa zu Recht eine „sogenannte sexuelle Revolution“ nennt und für die nicht die damals höhnenden und fordernden „68er“, sondern die seinerzeitigen Koalitionspartner CDU, CSU und SPD die Verantwortung tragen. Zuallererst wurden tatsächlich die sexuellen Tatbestände neu bewertet: der Ehebruch, die Erschleichung des außerehelichen Beischlafs, die Unzucht mit Tieren, die einfache Homosexualität sowie die Abtreibung – und die Religionsdelikte, was das Fundament der „alten“ Überzeugungen weiter schwächte.

          Wechsel vom Schamvollen zum Schamlosen

          Das eherne Verhaltensgesetz der Bürger besagt: Was nicht mehr verboten ist, wird häufiger getan als zuvor, und was verboten geblieben ist, wird so lange unterlaufen, bis das Verbot wirkungslos und hinfällig wird. Sogenannte Aufklärer haben damals mit gespieltem Ernst den Wechsel vom Schamvollen zum Schamlosen vorangetrieben. Damit klar wurde, um welche Altersgrenzen es ging, wurden die Machwerke „Mädchenreport“ genannt: Schülerinnen sind Schülerinnen; ob 18, 16 oder 14 Jahre alt, was macht das für einen Unterschied. Das deutsche Strafrecht beharrt auf dieser Abstufung des Schutzkonzeptes, während die EU-Kommission und der Europarat alle „Kinder“ bis zum 18. Lebensjahr schützen wollen.

          Wer als Kind missbraucht wurde, leidet jahrzehntelang darunter. Ihn muss die Gesellschaft in ihr Mitgefühl einschließen. Ebenso wichtig wie die Bewältigung der Vergangenheit ist allerdings die Bewahrung der Zukunft der heutigen Kinder. Denn in drei Jahrzehnten ist nichts besser geworden.

          2008 wurden 15.098 Kinder sexuell missbraucht oder bedroht (Dunkelziffer unbekannt); von 8927 Tätern waren 96,1 Prozent männlich, 3,9 Prozent weiblich; von den Opfern 24,7 Prozent Jungen, 75,6 Prozent Mädchen. Ein Viertel der Täter waren selbst Kinder oder Jugendliche, drei Viertel aber Erwachsene: Eltern, Verwandte, Nachbarn, bis hin zu Lehrern, Erziehern und sonstigen. Jedem dieser Kinderschänder muss die Empörung der Öffentlichkeit gelten – nur dann ist sie glaubwürdig.

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