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Unabhängige Beauftragte : „Noch immer keine verlässlichen Zahlen zu Missbrauch“

Die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Kerstin Claus, am 17. Mai in Berlin Bild: dpa

Die Beauftragte des Bundes will, dass das Dunkelfeld von Fällen sexuellen Missbrauchs aufgehellt wird. Mit den Ländern strebt sie einen intensiveren Dialog an.

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          „Es ist ein Skandal, dass wir selbst im Jahr 2022 noch immer keine verlässlichen Zahlen zum Ausmaß von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche haben“, hat die neue Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Kerstin Claus am Dienstag in Berlin kritisiert. Sie will sich deshalb dafür einsetzen, dass dauerhaft und regelmäßig Zahlen erhoben werden und das sogenannte Dunkelfeld für den Missbrauch im Verborgenen aufgehellt wird.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          „Nur so können wir erkennen, ob Politik greift, sich die Zahl der Taten reduziert, Taten schneller aufgedeckt und Kinder besser geschützt werden“, sagte Claus, die selbst jahrelang im Betroffenenrat mitgearbeitet hat. Die neue Beauftragte, die ihr Amt am 1. April angetreten hatte, erinnerte an eine ähnliche Forderung des Nationalen Rates gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen und hält ein nationales Kompetenzzentrum Forschung für dringend erforderlich. Allerdings fehlen bisher die dafür nötigen Zusagen aus der Politik.

          „Der Bund alleine kann den Kinderschutz nicht voranbringen“, sagte Claus. Sie will deshalb stärker den Dialog mit Ländern, Kommunen und Gemeinden suchen. Konkret geht es darum, Beratungsstellen, Kinder- und Jugendhilfe, Ermittlungsbehörden und Ausbildungseinrichtungen für soziale und pädagogische Fachkräfte auszubauen und dafür zu sorgen, dass jede Institution, ganz gleich ob Verein, Schule oder Jugendclub, ein eigenes Schutzkonzept hat und einhält.

          Betroffenenbeiräte in den Ländern

          Für unbedingt nötig hält Claus auch die Einrichtung von Landesbetroffenenbeiräten nach dem Vorbild des Betroffenenrats beim Unabhängigen Beauftragten im Bund. Dessen Amt solle möglichst bald gesetzlich verankert werden. Über eine gesetzlich geregelte Berichtspflicht gegenüber dem Parlament zum Stand der Prävention, Intervention und Aufarbeitung werde es möglich, positive Entwicklungen auf Bundes- und Länderebene zu benennen und auf Verbesserungen hinzuwirken.

          Claus verwies auf eine für diesen Herbst geplante Sensibilisierungskampagne, die das Verantwortungsgefühl und die Beobachtung aller schärfen soll, um sexuellen Missbrauch aufzudecken. Die Finanzierung der Kampagne sei allerdings noch nicht gesichert, sagte Claus. „Erst wenn wir begreifen, dass sexueller Missbrauch jederzeit auch in unserem direkten Umfeld stattfinden kann, werden wir anfangen, genauer hinzusehen und auch aktiv zu werden“, sagte die Beauftragte, die auch die Ergebnisse einer Umfrage präsentierte.

          Danach meinen 90 Prozent der Menschen in Deutschland, dass Missbrauch vor allem in der eigenen Familie stattfindet. Nur elf Prozent halten es aber für wahrscheinlich, dass es in ihrer eigenen Familie der Fall ist, 33 Prozent dagegen halten das für ausgeschlossen. Fast alle Befragten sehen sexuelle Belästigung im Internet als große oder sehr große Gefahr. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hatte dafür im vergangenen Herbst 2005 Menschen befragt.

          Fälle wie Staufen oder Lügde, die nur stellvertretend für so viele stünden, hätten in den vergangenen Jahren gezeigt, was es heiße, wenn zu spät interveniert werde, weil Strukturen im Kinderschutz sich nicht effektiv genug nutzen ließen und Hinweisen nicht konsequent genug nachgegangen werde, sagte Claus. Für den Schutz der etwa 14 Millionen Kinder und Jugendlichen seien alle zuständig. Der Staat habe eine Wächterfunktion, die in der jüngsten Vergangenheit viel zu oft vernachlässigt worden sei. Dringend nötig sei es, die Wartezeiten für psychotherapeutische Behandlungen bei Kindern und Jugendlichen zu reduzieren, die schon vor der Coronapandemie zu lang gewesen seien.

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