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Sexismus-Skandal : Warum London an „House of Cards“ erinnert

Das erste prominente politische Opfer des Belästigungsskandals: Michael Fallon Bild: Reuters

Nach dem Rücktritt des Verteidigungsministers Michael Fallon kommen weitere Abgeordnete ins Gerede – die Affäre bringt die Downing Street in Bedrängnis.

          Ein spöttisches „Gavin... wer?“ war zu hören, nachdem Theresa May den vergleichsweise unbekannten Gavin Williamson zum neuen Verteidigungsminister ernannt hatte. Nicht nur in der Armee, auch bei den Tories wächst die Kritik an der Neubesetzung, die nach dem Rücktritt Michael Fallons nötig geworden war. Zeitungen zitierten am Freitag einen Konservativen mit der Bemerkung, dies sei der „letzte Fehler“ der Premierministerin gewesen. Die Weiterungen des Skandals um sexuelle Belästigungen in Westminster, der eine angeschlagene Regierung inmitten parteiinterner Auseinandersetzung über Europa erwischt, erinnert ältere Parlamentarier schon an die Spätphase des konservativen Premierministers John Major.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Fallon ist das erste prominente politische Opfer des „Sex-Skandals“. Mindestens ein weiterer Minister muss sich derzeit vor Jeremy Heywood, dem obersten Beamten im Königreich, für ungebührliches Verhalten gegenüber einer Frau verantworten. In anderen Fällen, die Heywood untersucht, sind Staatssekretäre und bekannte Abgeordnete verwickelt. „Werden wir nun jede Woche einen Abgang haben?“, fragte ein Regierungsmitglied am Donnerstag und sagte, dies würde May „nicht überleben“.

          Fallon dementiert die Vorwürfe „grundlegend“

          Für Fallons Rücktritt scheint es mehr Gründe gegeben zu haben als nur dessen unerwünschte Annäherung an eine Journalistin vor 15 Jahren. Zeitungen berichteten am Freitag, dass sich auch Fallons Kabinettskollegin Andrea Leadsom über zudringliche Bemerkungen beschwert habe. Angeblich hatte sie sich vor sechs Jahren über ihre kalten Hände beklagt, worauf Fallon gesagt haben soll: „Ich kenne eine Stelle, wo du sie aufwärmen kannst.“ Fallon dementiert das „grundlegend“.

          Auch bei der Labour Party ist ein weiterer Abgeordneter ins Gerede gekommen. Der 76 Jahre alte Kelvin Hopkins soll vor drei Jahren bei einem Universitätsbesuch eine junge Partei-Aktivistin festgehalten und sich an ihr „gerieben“ haben. Er wurde inzwischen aus der Fraktion ausgeschlossen. Die Affäre bringt Labour-Chef Jeremy Corbyn in Bedrängnis, weil er Hopkins ins Schattenkabinett berufen hatte, wenige Monate nachdem dieser für den Vorfall offenbar parteiintern gerügt worden war. Dass das Interesse an neuen Enthüllungen nicht abklingt, bekam auch Boris Johnson zu spüren. Der Außenminister, der für sein bewegtes Privatleben bekannt ist, wurde von Journalisten gefragt, ob sein Verhalten immer den hohen Maßstäben genügt habe, an denen Michael Fallon gescheitert sei. „Allerdings!“, antwortete Johnson.

          Sein Nachfolger gilt als eigensüchtiger Karrierist

          Die Premierministerin, die nach dem schlechten Wahlergebnis vom Juni einen Burgfrieden mit ihrer Partei geschlossen hat, bewegt sich eher tastend voran. Sie will am Montag in einem Gespräch mit anderen Parteiführern ein neues, unabhängiges Untersuchungsgremium aus der Taufe heben. Aber sie erweckt nicht den Eindruck, als suche sie die Offensive. Mangelnde Souveränität und Zaghaftigkeit sehen auch viele als Quelle ihrer Personalentscheidung. Profiliertere Anwärter für das Amt des Verteidigungsministers – dem 41 Jahre alten Williamson mangelt es an militärischer wie administrativer Erfahrung – hätten womöglich die fein austarierte Balance im Kabinett verändert. Williamson, der erst seit sieben Jahren im Unterhaus sitzt und zuletzt als „Chief Whip“ für die Fraktionsdisziplin zuständig war, gilt vielen als eigensüchtiger Karrierist, der frühzeitig Mays Vertrauen erworben hat.

          In Westminster wird kolportiert, dass er eine entscheidende Rolle in den Gesprächen gespielt habe, die im Rücktritt seines Vorgängers mündeten. „Es scheint, als habe Gavin Williamson ,House of Cards‘ nicht als Fiktion, sondern als Anleitung verstanden“, sagte der „Times“-Kolumnist Iain Martin am Freitag. Er sieht nun Williamson selbst unter Druck. Andere verbreiten, es sei Leadsom gewesen, die Fallon ans Messer geliefert habe, ein Gerücht, das Downing Street immerhin glaubte dementieren zu müssen. Ganz London erinnert gerade an „House of Cards“ – jene Serie, die in Britannien erfunden wurde und deren Hauptdarsteller seinerseits in Missbrauchsvorwürfen versinkt.

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