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Serbien und Srebrenica : Mladics Geschenk

Srebrenica war der letzte, schrecklichste Sieg des Ratko Mladic. Achttausend Muslime ließ der General ermorden. Die Serben werden diese Tat nicht verwinden, solange sie sich ihrer Vergangenheit nicht stellen - ohne Wenn und Aber.

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          Viele haben das serbische Parlament für seine Erklärung zum Verbrechen von Srebrenica gelobt. Außenminister Westerwelle sprach von einem ersten mutigen Schritt, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Wirklich mutig wäre es aber gewesen, wenn die Abgeordneten im Namen Serbiens, das in der Region am meisten Grund dazu hat, nun endlich und beispielhaft auch von dem Erzübel des „Ja, aber“ abgerückt wären, das die Debatte über Schuld und Sühne bestimmt.

          Ebenso bezeichnend wie verharmlosend ist in der Erklärung von „brutalen bewaffneten Konflikten“ im Jugoslawien der neunziger Jahre die Rede, „in denen alle Völker schwere Leiden davongetragen haben“. Richtig: Auch Serben waren Opfer von Gewalt; und es ist wenig bekannt, dass bei einem der Plünderungszüge „muslimischer“ (bosniakischer) Kämpfer aus Srebrenica am orthodoxen Weihnachtsfest 1993 in dem Dorf Kravica mehrere Dutzend Serben ermordet wurden. Es stimmt auch, dass von Verbrechen an Serben zu Beginn der jugoslawischen Kriege und von der durch Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg genährten Angst der Serben, in einem Staat die Minderheit zu bilden, damals nur wenig berichtet wurde. Doch diese Vernachlässigungen hatten einen Grund: Die Angst, wieder zum Opfer zu werden, geriet schnell in den Schatten einer unauslöschlich monströsen serbischen Täterschaft.

          Es ist eine Sache der Historiker, die Details zu erforschen. Wenn aber die Parlamentsmehrheit in Serbien glaubt, der zweifelhaften Mode folgen zu müssen, als historischer Kongress aufzutreten, dann hätte eine schlichte Verdammung der von Serben begangenen Verbrechen in Srebrenica genügt. Stattdessen herrscht weiterhin die alte Leichenaufrechnerei vor, verbunden mit der in Serbien weit verbreiteten Ansicht, die Serben selbst seien die Hauptopfer Milosevics gewesen.

          Srebrenica war der letzte, schrecklichste Sieg des Ratko Mladic. Achttausend muslimische Jugendliche und Männer ließ der General ermorden, als sich das Blatt militärisch schon gegen ihn gewendet hatte. Als Mladic in die Enklave einmarschierte, erklärte er deren Eroberung zu einem Geschenk an das serbische Volk. Daran leiden die Beschenkten noch heute. Die Serben werden diese blutige Gabe des Generals nicht verwinden, solange sie sich ihrer Vergangenheit nicht stellen – ohne Wenn, ohne Aber.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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