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Seekrieg 1914-1918 : Der Kerkermeister der deutschen Flotte

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Für die Offiziere und Mannschaften hieß das, sich in einer völlig neuen, gänzlich unerwarteten Situation zurechtzufinden: Warten statt Kämpfen. Für manche war das schwerer zu ertragen, als das eigene Leben in der Schlacht zu riskieren. Das gilt im übrigen auch für die Royal Navy, die doch als Kerkermeister der deutschen Flotte augenscheinlich in der glücklicheren Position war. Ganz Großbritannien hatte erwartet, dass die englische Flotte, die seit Nelsons großem Sieg über die französisch-spanische Armada bei Trafalgar 1805 unangefochten die Meere beherrschte, ihre deutschen Herausforderer binnen kürzester Zeit zum Kampf stellen und vernichten würde. Statt dessen hielt sie sie lediglich aus sicherer Entfernung in Schach – eine zwar effektive, der eigenen ruhmreichen Tradition jedoch scheinbar völlig unangemessene Vorgehensweise.

Das Kaiserreich verliert an Ansehen

Zwar gab es durchaus einige Kampfeinsätze, darunter mit dem Gefecht vor dem Skagerrak am 31. Mai 1916, dem einzigen Aufeinandertreffen beider Flotten in voller Stärke während des gesamten Krieges, die zahlenmäßig größte Seeschlacht der Geschichte. Doch vermochte keiner der Kontrahenten einen entscheidenden Sieg zu erringen, so dass sich an der strategischen Gesamtlage nicht das Geringste änderte. Ähnliches gilt für den Handelskrieg mit U-Booten, auf den die Deutschen große Hoffnungen setzten und den sie in immer rücksichtsloserer („uneingeschränkter“) Form führten.

Die englische Blockade konnten meist nur die deutschen U-Boote durchbrechen. Hier „U-139“, das vier Schiffe versenkt und eins beschädigt hat
Die englische Blockade konnten meist nur die deutschen U-Boote durchbrechen. Hier „U-139“, das vier Schiffe versenkt und eins beschädigt hat : Bild: AP

Die dabei erzielten Erfolge reichten jedoch nicht aus, die Versorgung der britischen Inseln mit Lebensmitteln und Rohstoffen ernsthaft zu gefährden. Vielmehr bewirkten Aktionen wie die Versenkung des britischen Passagierdampfers „Lusitania“ durch U 20 im Mai 1915 einen drastischen Ansehensverlust des Kaiserreichs bei den neutralen Nationen. Insbesondere die Vereinigten Staaten protestierten scharf, da sich unter den knapp 1200 Todesopfern auch 128 Amerikaner befanden. Im April 1917 nahm die Regierung in Washington den U-Bootkrieg schließlich zum Anlass, um auf Seiten der Ententemächte in den Krieg einzutreten. Damit war die Niederlage des Deutschen Reiches praktisch besiegelt.

Am 21. Juni 1919 versenkten sich die Schiffe der Kaiserlichen Marine, hier der auf Grund gesetzte kleine Kreuzer „SMS Frankfurt“, selbst
Am 21. Juni 1919 versenkten sich die Schiffe der Kaiserlichen Marine, hier der auf Grund gesetzte kleine Kreuzer „SMS Frankfurt“, selbst : Bild: Deutscher Taschenbuch Verlag

Als das Ende sich abzeichnete, versuchten sowohl die Kaiserliche Marine wie auch die Royal Navy, ihr durch die Passivität der Flotten ramponiertes Image so gut es ging aufzupolieren. Die deutschen Offiziere, indem sie im Oktober 1918 zu einer letzten „Todesfahrt“ gegen die Royal Navy auslaufen wollten – ein Plan, den die Matrosen durch Meuterei verhinderten und so gleichzeitig den Anstoß zur Revolution gaben. Die Briten, indem sie der deutschen Marine möglichst demütigende Waffenstillstands- und Friedensbedingungen aufzwangen und die Internierung der wertvollsten deutschen Schiffe im britischen Kriegshafen Scapa Flow verlangten. Dort versenkte sich, um nicht „unbesiegt“ in Feindeshand zu fallen, die ehemalige kaiserliche Flotte im Juni 1919 selbst. Zumindest in den Augen vieler deutscher Offiziere hatte der Seekrieg damit doch noch ein halbwegs rühmliches Ende gefunden. Zwanzig Jahre später begann der nächste.

Zur Person

Nicolas Wolz, Jahrgang 1972, war mehrere Jahre Redakteur der F.A.Z. Vorher studierte er in Frankfurt, Tübingen und London Geschichte. Seine Dissertation verfasste Wolz über Kriegserfahrungen deutscher und britischer Seeoffiziere im Ersten Weltkrieg. Heute ist er in der Kommunikationsabteilung der Deutschen Bundesbank tätig. Sein Buch »Und wir verrosten im Hafen« über den Seekrieg 1914-1918 ist im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen. (http://www.dtv.de/buecher/und_wir_verrosten_im_hafen_28025.html)

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