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Second Life : Reale Enttäuschung in der virtuellen Welt

Am Anfang war der Avatar Bild: Linden Lab

Millionen Menschen, so wird behauptet, haben sich schon eine zweite Existenz in „Second Life“ zugelegt. Doch die von den Medien gefeierte „Wunderwelt“ wird überschätzt. Ein Besuch holt den Neugierigen schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Von Stefan Tomik.

          5 Min.

          Die gute Nachricht vorneweg: Es gibt ein zweites Leben. Die schlechte: Es ist auch nicht besser als das erste. Mehrere hunderttausend Menschen probieren es derzeit aus. Sie erstellen ihren eigenen Avatar, eine Figur, die nur aus Pixeln besteht, und steuern sie mit ihrem Computer durch die virtuelle Onlinewelt von „Second Life“. Dort können sie Gegenstände erfinden, Häuser bauen, Konzerte besuchen, Handel treiben. Mit Slogans wie „Erfinde Dich neu“, „Sei endlich frei“ und ähnlichen Anklängen an sektenartige Reinigungsrituale wirbt die amerikanische Firma Linden Lab für ihr künstliches „Metaversum“. Hier haben Politiker Wahlkampfbüros eröffnet, Professoren halten virtuelle Vorlesungen, Firmen präsentieren Produkte, und eine Zeitung berichtet ausschließlich über Ereignisse aus der künstlichen Welt. Auch die Medien der ersten Welt berichten über die Online-Plattform, als sei das Internet schon neu erfunden. Ein Besuch in „Second Life“ holt Neugierige - so seltsam es klingen mag - schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn die neue Welt sieht der alten verdammt ähnlich.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Längst hat die Kriminalität „Second Life“ erobert. Wiederholt berichten Bewohner, dass selbsterstellte Gegenstände zerstört oder gestohlen wurden. Oder ein Avatar streicht Geld für ein Geschäft ein, macht sich dann aber aus dem Staub. Immer wieder werden „Infohubs“, wo sich Neulinge Knowhow für die digitale Welt aneignen können, Ziele von „Angriffen“ aller Art. An einem solchen Infohub tauchen plötzlich aus dem Nichts zwei „German officers“ im Führer-Look auf. Sie tragen dunkle Nazi-Uniformen mit langem Mantel, Schärpe und Armbinde. Die Figuren ziehen Pistolen, tanzen und rufen - auf Englisch - „Ich liebe Adolf Hitler“ und „Juden müssen sterben“. Eine klare Verletzung jener sechs Grundregeln, die Linden Lab für das „Zusammenleben“ in „Second Life“ aufgestellt hat. Aber sie wird folgenlos bleiben, denn eine Polizei oder Gerichte gibt es nicht.

          Der Avatar ist des Avatars Wolf

          Zwar können Teilnehmer bei Regelverstößen eine Beschwerde einlegen, doch Linden Lab kümmert sich kaum um die Ärgernisse des Online-Alltags. Selbst als sich die kleine, aber gemeine Software „Copy Bot“ ausbreitete, mit der mühelos Gegenstände und sogar ganze Avatare geklont werden konnten, sah sich Linden Lab zunächst nicht in der Verantwortung. Man sei nicht für die Verfolgung von Copyright-Verletzungen zuständig, ließ die Firmenzentrale in San Francisco wissen und verwies Geschädigte an das U.S. Copyright Office in Washington. Erst nach Protesten genervter Geschäftsleute, die sich um die Früchte ihrer Arbeit betrogen sahen, erließ Linden Lab ein vorläufiges Verbot des „Copy Bot“ und drohte, Teilnehmern bei Missachtung den Zugang zu sperren. Solange der Schöpfer des „zweiten Lebens“ nicht persönlich eingreift, herrscht im digitalen wilden Westen die Anarchie - der Avatar ist des Avatars Wolf.

          Die virtuelle Welt lebt von der Kreativität ihrer Bewohner
          Die virtuelle Welt lebt von der Kreativität ihrer Bewohner : Bild: Linden Lab

          Dabei ist gerade das Urheberrecht für die Wirtschaft in „Second Life“ von elementarer Bedeutung. Anders als bei vielen Online-Rollenspielen, in denen alles, was die Spieler schaffen, dem Betreiber gehört, sichert Linden Lab den Teilnehmern ausdrücklich das geistige Eigentum an allem zu, was sie kreieren. Dazu gehören die Avatare genauso wie selbstgestaltete Objekte und deren Design. Nur deshalb können in „Second Life“ immer neue Geschäftsmodelle entwickelt werden: Programmierer verkaufen Kleidung für Avatare, Architekten entwerfen Häuser, Designer Halsketten, Hüte und Handtaschen. Angeblich haben schon Menschen ihre Jobs im ersten Leben gekündigt und sichern ihre Existenz allein durch Geschäfte in „Second Life“. Aber anders als oft suggeriert gelingt das nur wenigen.

          „Geldbäume“ und die Stromrechnung

          Wer in „Second Life“ sein Geld mehren möchte, kann es von Geldbäumen pflücken oder durch „Camping“ verdienen. Weil manche Firmen möglichst viele Avatare auf ihr Gebiet locken wollen, um in der Verkehrsstatistik vorteilhaft gelistet zu werden, verschenken sie Linden-Dollar in kleinen Beträgen. Im „Club Sin“ etwa lassen sich durch eine Stunde Herumsitzen in einem Sessel 14 Linden-Dollar verdienen. Das klingt zunächst phantastisch, hat aber einen Nachteil: Bei einem Kurs von 270:1 entspricht der Betrag etwa fünf realen amerikanischen Cent. Die Stromrechnung für den laufenden Computer aus dem ersten Leben wäre höher als der Gewinn aus dem „Camping“ im zweiten.

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