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Schwellenländer : Zerbrechlich

Es waren die Schwellenländer, die die Finanzkrise fast unbeschadet überstanden haben und der Weltwirtschaft wichtige Impulse gaben. Das ist vorbei - nun geht von ihnen eine Gefahr aus.

          Die Foren der Weltwirtschaft und die Wirtschaftspublizistik lieben es, Gegenwart und Zukunft der wirtschaftlichen und politischen Kräfteverhältnisse auf knackige Formeln zu bringen. Die Karriere des Akronyms „Brics“ ist ein Beispiel hierfür: Es steht für Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika und soll zum Ausdruck bringen, wer im 21. Jahrhundert den Ton angeben und wer ins Hintertreffen geraten werde. Tatsächlich waren es vor allem die Schwellenländer, welche die Finanzkrise fast unbeschadet überstanden haben und die der Weltwirtschaft nach 2008 wichtige Impulse gaben. Das aber ist fürs Erste vorbei.

          Die Vereinigten Staaten liegen wieder auf Wachstumskurs, die Europäer berappeln sich – und die Sterne über den Brics-Ländern funkeln gar nicht mehr so hell.Prompt ist ein neues Wortpaar en vogue, die „zerbrechlichen fünf“. Zu denen gehören Südafrika, Indien und Brasilien, die kürzlich noch in den Himmel gehoben wurden, Indonesien und die Türkei. Das Problem? Sie haben große Zahlungsbilanzprobleme und müssen – auch, aber nicht nur wegen der weniger expansiven amerikanischen Geldpolitik – massive Wertverluste ihrer Währungen hinnehmen.

          Vertrauen geht verloren

          Auf einmal geht von den Schwellenländern, das gilt selbst für China, Gefahr für die Stabilität der Finanzmärkte aus; den Retterbonus haben sie aufgebraucht. Nun rücken wieder die Risiken in den Blick, Und die gehen auch von der Politik aus. Das kann man an der Türkei sehen. Die Lira hat in den vergangenen Tagen gegenüber dem Dollar erheblich an Wert verloren; die Wirtschaft wächst weit weniger schnell. Diese Entwicklung spiegelt auch die Verunsicherung durch die Regierung Erdogan. Die hat zuletzt in der Korruptionsaffäre den offenen Kampf mit Polizei und Justiz gesucht und wähnt sich als Opfer einer internationalen Verschwörung, deren Ziel – was sonst? – die Schwächung der Türkei sei.

          Konsequenz: Vertrauen in die Stabilität der türkischen Politik geht verloren, Kapital verlässt das Land. Dieses Vertrauen kann natürlich wiedergewonnen werden. Aber die Episode macht deutlich, dass viele Länder zwar vielversprechend sind, der Aufstieg zur Spitze deswegen aber noch nicht selbstverständlich ist. Dafür muss vieles über einen langen Zeitraum hinweg gut passen. Den Auf- und Abstieg von Ländern sollte man eben nicht in Formeln pressen. Kann gut sein, dass der Abgesang auf den Westen eingestampft werden muss.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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