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Schwankende Preise : Vielen Bauern wird es unheimlich

  • -Aktualisiert am

Der Milchmarkt könnte zum Menetekel werden Bild: F.A.Z. - Jan Roeder

Was für die Milch gilt, könnte bald für alle Agrarrohstoffe gelten: Preisschwankungen gehören zum Alltag. Der Preissprung aufgrund der höheren Nachfrage einer wachsenden Weltbevölkerung ist aber nur vordergründig im Interesse der Landwirte - viele Bauern misstrauen dem freien Markt.

          Mit einer Mischung aus Hoffen und Bangen verfolgen die deutschen Bauern, wie die Preise für Agrarprodukte steigen. Einerseits freut man sich darüber, dass Getreide und andere Feldfrüchte nun mehr wert sind. Denn das erhöht nicht allein die Einkommen, sondern auch das gesellschaftliche Ansehen des Nährstandes. Doch weckt die Preisexplosion auch Ängste: Ist das etwa nur eine spekulative Blase, so fragt man sich, die von Finanzinvestoren aufgepustet wurde? Sinken die Preise bald wieder, wie es bei der Milch schon geschieht und sich beim Weizen abzeichnet? Viele Fachleute erwarten 2008 eine Rekordernte, die erstmals seit Jahren den Verbrauch decken könnte.

          Viele Bauern misstrauen dem freien Markt - lange konnten sie sich auf staatliche Stützpreise verlassen. Die jetzigen Preissprünge haben daher für sie etwas Unheimliches. Das sieht man an der Empörung über die jetzige Preissenkung der Discounter für Milch. Vor einem Jahr, als Aldi die Butter schlagartig um 50 Prozent verteuerte, warf der Bauernverband dem Handel vor, er mache einen Reibach auf Kosten der Landwirte.

          Der Milchmarkt könnte zum Menetekel werden

          Nun spricht Bauern-Präsident Sonnleitner von frühkapitalistischen Methoden, weil der Preis wieder sinkt. Handelskonzerne haben tatsächlich eine große Marktmacht gegenüber den meist mittelständisch organisierten Molkereien. Doch dass die Preise wieder fallen, ist nicht Manchester-Kapitalismus, sondern simple Marktmechanik: Die Nachfrage der Konsumenten fiel wegen der höheren Preise für Milchprodukte, zugleich erhöhte sich das Angebot trotz der europäischen Milchquoten. Auf den Preis drückt ferner, dass die Exporte von Milchpulver schrumpften, weil der Euro sich gegenüber dem Dollar verteuerte.

          Der Milchmarkt könnte zum Menetekel werden: Größere und häufigere Preisschwankungen wird es demnächst wohl bei allen Agrarrohstoffen geben. Dies wäre auch - historisch gesehen - nichts Ungewöhnliches. Im 19. Jahrhundert schwankten in Europa die Getreidepreise heftig. „Das extreme Preishoch von 2007 ist vermutlich vorbei, doch nach einer Phase der Stagnation wird der mittelfristige Trend wieder nach oben zeigen“, prophezeit der Agrarökonom Schmitz von der Universität Gießen. Dafür sorge nicht in erster Linie die Produktion von Biosprit, sondern vor allem die größere Nachfrage einer jährlich um 80 Millionen Menschen wachsenden Weltbevölkerung.

          Auch die Bauern hat die emotionale Wucht überrascht

          Die größten Nachfrageeffekte kommen aus Asien, weil dort aufgrund gestiegenen Wohlstands mehr Milch und Fleisch verzehrt werden. Tiermast verschlingt aber besonders viele agrarische Rohstoffe. Schon jetzt werden in Europa 58 Prozent des Getreides an Tiere verfüttert, nur 1,6 Prozent der Ernte gehen in die Ethanol-Produktion. Auch bei Biodiesel ist der Anteil noch überschaubar, der Preiseffekt also begrenzt: Acht Prozent der globalen Pflanzenöl-Produktion werden zu Biodiesel verarbeitet, wobei ein Teil davon als Rapsschrot wieder der Tierfütterung zugutekommt.

          Auch die Bauern hat die emotionale Wucht überrascht, mit der die Debatte über Tank oder Teller geführt wird. Die Landwirte fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, mit dem Anbau von Energiepflanzen den Hunger in der Welt zu verschlimmern. „Wir waren doch schon immer auch Energiewirte“, argumentiert ein Bauer aus Niedersachsen. Er verweist darauf, dass früher ein Drittel der Äcker Futtermittel für Zugtiere erzeugte. Heute werden in Deutschland auf etwa 15 Prozent der Flächen Energiepflanzen wie Raps oder Mais angebaut, aus denen Kraftstoffe oder Biogas werden.

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