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Schulpolitik in Baden-Württemberg : Nach dem Gießkannenprinzip

  • -Aktualisiert am

In Baden-Württemberg ist ein durchlässiges und modernes Schulsystem durch Experimente wie die Gemeinschaftsschule gefährdet. Der Plan, mehr Schulformen als zwei widerstandsfähige einzuführen, kommt politischem Roulett gleich.

          Zu den erklärten Zielen der grün-roten Koalition in Stuttgart gehört, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg durch schulpolitische Entscheidungen aufzulösen und möglichst gute Ausgangsbedingungen für alle zu schaffen. Ob die angestrebte Einführung von Gemeinschaftsschulen nach Bedarf, die Abschaffung der Grundschulempfehlung für die weiterführende Schule und die Einführung der Ganztagsschule als Regelschule die richtigen Schritte sind, darf allerdings bezweifelt werden.

          Baden-Württemberg wird in den kommenden Jahren wie alle anderen westlichen Länder einerseits mit dem Rückgang der Schülerzahlen in manchen Landstrichen um ein Viertel zu kämpfen, andererseits eine erheblich veränderte Zusammensetzung seiner Landesbevölkerung zu verkraften haben. Schon in den kommenden zehn Jahren wird der Anteil von Schülern aus eingewanderten Familien auf 50 bis 70 Prozent steigen. Fließt in dieser Wahlperiode in die Brennpunktgebiete und die dortigen Bildungseinrichtungen, in Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen kein zusätzliches Geld, wird Baden-Württemberg seinen erreichten Bildungsstand verlieren und wirtschaftliche Nachteile erleiden.

          Erfolgreich werden dann nur noch die östlichen Länder wegen ihres geringen Migrantenanteils und jene westlichen Länder sein, die rechtzeitig gegengesteuert haben. Auf diesem Feld entscheidet sich also die Chance der neuen Landesregierung. Sie könnte sich die Empfehlungen jener Fachleute zu eigen machen, die eigens um Vorschläge für Baden-Württemberg gebeten worden waren. Sie haben unter Leitung des Bildungsforschers Jürgen Baumert ausdrücklich davor gewarnt, die begrenzten Bildungsausgaben nach dem Gießkannenprinzip zuzuteilen. Doch genau das scheint die neue Regierung vorzuhaben.

          Ganztagsschulen nicht überall sinnvoll

          Es ist nicht überall in Baden-Württemberg sinnvoll, Ganztagsschulen einzurichten; in strukturschwachen ländlichen Gebieten wird wohl eine Ganztagsschule in einer Stadt genügen, dafür müssen die Schulen in Universitätsstädten und Brennpunktgebieten schon in der Grundschule ganztägig geführt werden. Wenn es nicht gelingt, die sozialen Unterschiede schon in den ersten drei Lebensjahren durch gezielte und frühzeitige Sprachförderung, durch Erziehungshilfen für die Eltern auszugleichen, droht dem Land ein sozialer Sprengsatz, von dem allenfalls die Lehrer an sogenannten Brennpunktschulen mit 95 Prozent Ausländerkindern eine Vorahnung haben.

          Sie wissen, dass ihre Schüler nur mit zusätzlicher und fortlaufender Unterstützung zu einem Schulabschluss und einer Berufsausbildung zu führen sind. Stattdessen wird in Baden-Württemberg ein durch langjährige Kontinuität äußerst durchlässiges und modernes Schulsystem durch strukturelle Experimente wie die Gemeinschaftsschule auf Antrag gefährdet. Angesichts des bevorstehenden Wandels mehr Schulformen als zwei widerstandsfähige einzuführen, kommt politischem Roulett gleich.

          Kommunen scheren sich nicht darum, was sinnvoll ist

          Damit tappen auch die Stuttgarter in dieselbe Falle wie Nordrhein-Westfalen und zum Teil auch Niedersachsen. Natürlich werden sich die Kommunen nicht darum scheren, was schulpolitisch sinnvoll ist, wenn es darum geht, ihre Schulstandorte aufrechtzuerhalten. Wie an den sogenannten Gemeinschaftsschulen ein sinnvolles gymnasiales Niveau erreicht werden soll, bleibt ein Geheimnis der grün-roten Koalition. Schon bisher konnten Realschüler auf den beruflichen Gymnasien nach 13 Jahren Abitur machen. Dazu noch Gymnasien mit zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten einzuführen, ist Unsinn.

          Niemand zweifelt daran, dass die Hauptschule als eigenständige Schulform keine Zukunft mehr hat, wenn sie auch in Baden-Württemberg nur noch von drei Prozent der Eltern gewollt wird. Aber es hätte genügt, die Hauptschulen mit einer zehnten Klasse zu erweitern und überall die mittlere Reife anzubieten und die Zusammenarbeit mit Handwerkskammern, die sich für den Zugang ins duale System bewährt hat, nicht aufs Spiel zu setzen. Nun werden Zeit und Ressourcen für einen strukturellen Umbau mit ungewissem Ausgang aufgewendet.

          Aber es gibt immer noch keine einzige Studie, die belegt, dass gemeinsames Lernen soziale Unterschiede mildert und benachteiligte Schüler besser fördert. Hingegen gibt es jüngere Studien aus England, die eine Festigung der sozialen Unterschiede an integrativen Schulformen belegen. Auch die Abschaffung der Schulempfehlung in Klasse 4 verschärft die Bildungsbenachteiligung. Bisher konnten die Eltern, die trotz einer Gymnasialempfehlung für ihr Kind den Wechsel in die höhere Schule scheuten, ermutigt werden, doch diesen Weg zu gehen.

          Die neue grün-rote Koalition hat sich durch die Abschaffung der Studiengebühren und ihre Zusage für zusätzliche Studienplätze Möglichkeiten genommen, Gelder in die frühkindliche Bildung und in die bedürftigen Schulen zu investieren. Das ist auch durch die Einnahmen aus der Erhöhung der Grunderwerbssteuer nicht wettzumachen. Offensichtlich ist der rot-grünen Koalition in Stuttgart nicht klar, dass ihr nur die nächsten fünf Jahre bleiben, um eine düstere soziopolitische und wirtschaftliche Zukunft im Südwesten zu verhindern.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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