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Schulkompromiss in Nordrhein-Westfalen : Leistungslüge

Wahlkämpfer in NRW: Hannelore Kraft (SPD), CDU-Landeschef Röttgen. Bild: dapd

Das Gymnasium ist die neue Einheitsschule, welche die CDU jetzt in Nordrhein-Westfalen verhindert haben will. Hier offenbart sich eine Leistungslüge nicht weniger Konservativer: Ein mehrgliedriges, leistungsorientiertes System, muss man auch vorleben.

          Diesen Schulkompromiss heften sich alle an die Brust. Die taumelnde, auf Tricksereien angewiesene rot-grüne Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen beweist Handlungsfähigkeit. Die CDU jedoch kann sagen, sie habe die Einheitsschule verhindert und das Gymnasium gerettet. Im politischen Betrieb gilt schließlich jede Einigung sogleich als Erfolg, insbesondere wenn sie nach Nachtsitzungen oder - wie hier - nach längeren Geheimverhandlungen zustande kommt. Doch ob das neue Schulsystem für die Schüler gut ist, auch das mag ja ein Maßstab sein, muss sich noch zeigen.

          Man muss freilich die Landespolitiker verstehen: Die Länder, die eigentlich (Glied-)Staaten sind und sich auch einen solchen Apparat leisten, haben kaum noch etwas zu sagen. Sie haben sich teils selbst gleichgeschaltet, teils drohen sie zwischen Brüssel, Berlin und starken Städten unterzugehen. Da kann man einen solchen Konsens in der Schulpolitik zwischen Regierung und Opposition schon als „historisch“ bezeichnen, auf einem Feld also, das als Herz der verbliebenen Landespolitik gilt.

          Auf diesem Feld aber wird viel vernebelt. Künftig können die Kinder in Nordrhein-Westfalen auf fünf verschiedene Schulformen wechseln. Die Hauptschule besuchten zuletzt nur 13 Prozent. Ihr Verfassungsrang soll abgeschafft werden. Bald jedes zweite Kind geht auf das Gymnasium, besser gesagt: es wird von seinen Eltern dorthin geschickt. Hier offenbart sich die Leistungslüge nicht weniger Konservativer: man beklagte stets, die Haupt- und die Realschule würden schlechtgeredet, ist aber nie auf die Idee gekommen, im Falle entsprechender Leistungen und Lehrerempfehlungen die eigenen Kinder auf ebenjene Schulen zu lassen. Dass man ein mehrgliedriges, angeblich leistungsorientiertes System, das man selbst vehement fordert, auch vorleben muss - eine unerhörte Vorstellung für die selbsternannte Elite. Das Gymnasium ist die neue Einheitsschule, welche die CDU jetzt in Nordrhein-Westfalen verhindert haben will.

          Vielleicht das Beste am Düsseldorfer Kompromiss ist seine Haltbarkeit: Das Schulsystem soll bis zum Jahr 2023 nicht mehr angetastet werden. Das gibt Ruhe und Sicherheit. Allerdings werden schon in fünf Jahren bis zu Zweidrittel der Schüler aus Einwandererfamilien kommen. Da werden sich manche Bildungsfragen gar nicht mehr stellen.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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