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Schuldenkrise in Griechenland : Die Nacht, in der Athen brannte

Hass auf Marmor: An der Hauptgeschäftsstelle der Bank of Greece, die von Demonstranten in die „Bank of Berlin“ umbenannt wurde Bild: AFP

Athen versank im Chaos, während die Abgeordneten im griechischen Parlament über das jüngste Sparpaket der Regierung stritten. Sogar Waffengeschäfte wurden geplündert.

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          Um zwanzig Minuten nach Mitternacht, als die Abgeordneten im griechischen Parlament mit der Abstimmung über das jüngste Sparpaket der Regierung beginnen, hat sich die Athener Innenstadt längst in ein Schlachtfeld verwandelt. Die Parlamentarier, von einem aus mehreren hundert hochgerüsteten Sonderpolizisten gebildeten Schutzring vor der Außenwelt abgeschirmt, können über die Fernsehsender verfolgen, wie Teile der griechischen Hauptstadt in Flammen aufgehen. An mehreren Dutzend Stellen brennen Gebäude, ein schwerer Dunst aus Rauch und Tränengas wabert durch die Straßen. Bürgerkriegszenen.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Am Nachmittag noch hatte Aleka Papariga, die seit fast einem Vierteljahrhundert Generalsekretärin des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Griechenlands ist, die Regierung dafür kritisiert, dass sie einen Bürgerkrieg geradezu herbeirede mit ihren ständigen Warnungen vor dem Chaos, das dem Land im Fall einer Ablehnung der Sparmaßnahmen drohe. Sie fragte, warum staatliche Fernsehsender in jüngster Zeit so viele historische Dokumentarfilme über den griechischen Bürgerkrieg zeigten. „Wir sind nicht an einem geretteten Griechenland mit einem bankrotten Volk interessiert“, begründete Frau Papariga später die Ablehnung der Sparmaßnahmen durch die Kommunisten. Im Übrigen seien Krisen eine unvermeidliche Begleiterscheinung des kapitalistischen Systems.

          Sprengkörper, Brandbomben und Tränengas

          Kurz vor sechs Uhr am Abend, die Debatte im Parlament stand noch am Beginn, nimmt die Gewalt ihren Lauf. Vermummte beschießen die Polizei vor dem Parlament mit Sprengkörpern und Brandbomben. Doch die Polizisten, denen wie allen Beamten mehrfach das Gehalt gekürzt wurde, weichen nicht. Sie setzen massenhaft Tränengas ein, und so ziehen sich die Schlägertrupps zu Plünderungszügen in die umliegenden Straßen zurück. Dort gibt es keine Polizei. Spätestens jetzt ist klar, dass es wieder einmal einigen hundert vermummten Verbrechern gelingen wird, die Medienbilder zu kapern. Die große Mehrheit der Athener hat wie stets friedlich gegen die neuen Sparmaßnahmen der Regierung demonstriert, doch ihr Protest gerät zur Nebensache.

          Am Morgen hat sich der Geruch von Tränengas und Rauch verzogen. Die Randalierer, die wenige Stunden zuvor eine Schneise der Verwüstung durch die Innenstadt gezogen hatten, sind schlafen gegangen. Die Aufräumarbeiten haben begonnen. Menschen hasten zur Arbeit, Rentner und Schaulustige stehen vor ausgebrannten Gebäuden und geplünderten Geschäften. Zu Zerstörungen ist es fast ausschließlich in dem Gebiet zwischen dem Syntagma-Platz vor dem Parlament und dem etwa einen Kilometer nordwestlich davon gelegenen Omonia-Platz gekommen, hinter dem eine einstmals bürgerliche Gegend immer mehr zu einem von illegalen Einwanderern und Rauschgiftsüchtigen bevölkerten Elendsviertel herabsinkt.

          Griechenland : Ausschreitungen in Athen

          Auf der Panepistimiou-Straße, einem fünfspurigen Boulevard, der Syntagma und Omonia verbindet, sind die Schäden besonders groß. Fast alle Bankfilialen wurden zerstört. Jenseits davon, in der Plaka und im Studentenviertel Exarchia, blieb es weitgehend ruhig. Am unteren Ende des Panepistimiou-Boulevards brachen die Plünderer hingegen in zahlreiche Geschäfte ein. Auf dem Omonia-Platz wurde ein Kaffeegeschäft zerstört, etwas weiter erregten die Turnschuhe eines amerikanischen Sportartikelherstellers die Aufmerksamkeit der Täter. Doch die Schaulustigen haben sich vor einem anderen Laden versammelt. Neben einem der Ausgänge des U-Bahnhofs Omonia wurde ein Waffengeschäft ausgeraubt.

          Die Verpackungen ihrer Beute ließen die Täter liegen: „Colt Defender. Quality makes it a Colt“. Und dass irgendwo in Athen jetzt ein Verbrecher mit einer „MK 23 Special Operation“ von Heckler und Koch (mit Schalldämpfer) herumläuft, lässt nichts Gutes ahnen. Die Art, wie das Geschäft aufgebrochen wurde, zeugt von der Professionalität der Täter. Zunächst haben sie mit Stemmeisen das stählerne Gitter vor dem Laden aus seiner Verankerung gehebelt, um dann mit einem Rammbock das Panzerglas zu zerstören. Von der Polizei wurden sie nicht daran gehindert, denn die kam erst etwa zwei Stunden nach dem Beginn der Ausschreitungen in diese Gegend der Stadt. Ein Polizeisprecher berichtete am Montag von einer „neuen Qualität“ der Überfälle. Offenbar seien die Banden in vielen kleinen Gruppen von sechs bis zehn Mann ausgeschwärmt. Das nötige Werkzeug hatten sie dabei.

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