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Bildungsgipfel in Saarbrücken : Die Schul-Cloud kommt

  • -Aktualisiert am

So schön soll die „Schul-Cloud“ werden. Bild: obs/HPI Hasso-Plattner-Institut

Bildungsministerin Wanka stellt die Schul-Cloud vor, ein digitales Prestigeprojekt. Doch deren Finanzierung steht in den Sternen, und ein Geflecht an Zuständigkeiten erschwert die Umsetzung.

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          Bei so einem wie Christoph Bauer aus Würzburg wäre man gern Schüler gewesen. Der Sohn eines Hobbyimkers und Studienrat für Chemie und Biologie unterrichtet an einer der Pilotschulen, die ausprobieren, was bald zum Alltag an deutschen Schulen gehören soll: die sogenannte Schul-Cloud, eine Internetplattform, auf die Videofilme, Unterrichtsmaterial, Bilder und Projekte eingestellt werden, und die allen Lehrern zur Verfügung steht. Sie können sich dann aussuchen, was am besten in ihre jeweilige Unterrichtskonzeption passt.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Bisher sind digitale Inhalte meist auf einzelnen Rechnern plaziert. Viel hängt davon ab, ob ein Informatik-Lehrer seine Freizeit investiert, um an seiner Schule die Rechner zu warten. Damit soll bald Schluss sein. Die Schul-Cloud, die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) beim IT-Gipfel in Saarbrücken an diesem Donnerstag offiziell vorstellen will, wird von überall erreichbar sein und soll Wartungsaufwand sowie Kosten senken. Das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam erprobt das System derzeit mit einigen Pilotschulen, die auf Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) spezialisiert sind. 

          Christoph Bauers Schule gehört zu den Vorreitern, weil er schon einmal ein digitales Vorzeigeprojekt entwickelt hat. Mit Schülern zusammen hat er eine Forschungsplattform entwickelt, die zu verblüffenden Erkenntnissen über Bienen geführt hat. Mit einer selbst gebauten Bienenkiste, genannt „E-Hive“, beobachten Schüler an der Umweltstation Würzburg ihr Verhalten. Über Sensoren, mit denen die Bienenkiste ausgestattet ist, werden Messwerte wie Temperatur und Gewicht des Bienenstocks erfasst und in einer für alle Schulen auf der Welt zugänglichen Datenbank gespeichert.

          Eine erstaunliche Erkenntnis: Den Bienen gelingt es, ähnlich wie dem menschlichen Körper, eine gleichbleibende Temperatur von 35 Grad im Bienenstock aufrechtzuerhalten, sogar in warmen Ländern. Denn die digitalisierten Bienenkisten stehen inzwischen an zwölf Standorten in Europa, unter anderem in Schweden, Polen, Kroatien, Slowenien, Österreich und Italien. Die EU fördert das Projekt mit 280.000 Euro. „Bienen sind schließlich für die Aufrechterhaltung des Ökosystems unersetzlich“, sagt Bauer. Um so wichtiger sei es, die Lebenswelt dieser Tiere zu verstehen. 

          Um die Kühlung im Bienenstock aufrechtzuerhalten fliegen einige Bienen aus und befeuchten die Waben von innen, von außen schlagen andere Bienen in einer bestimmten Formation ihre Flügel wie Propeller. Das wirke wie ein Ventilator, erläutert der begeisterte Lehrer. Vollends überrascht hat ihn und seine Schüler der Befund, dass italienische Bienen zwischen 13 und 15 Uhr Siesta halten, um der eigenen Dehydrierung vorzubeugen, während die schwedischen Bienen den gesamten Tag unterwegs sind. Warum der Bienenstock kurz nach Sonnenaufgang insgesamt an Gewicht zunimmt und dann wieder leichter wird, ist noch ungeklärt.

          Bauers Bienen-Projekt ist eines jener Projekte, die ihren Platz in der neuen Schul-Cloud finden werden, die jetzt konkrete Formen annimmt. Und die Schul-Cloud ist Teil der Bildungscloud, einem digitalen Prestigeprojekt der Bundesregierung. Langfristig soll eine Plattform entstehen, auf der sich jeder lebenslang fortbilden kann. Möglichst viele digitale Bildungsangebote sollen abgerufen werden können – zum Teil kostenpflichtig, zum Teil kostenfrei. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

          Wanka stiehlt den Ländern die Show

          Mit der ihrer Präsentation auf dem IT-Gipfel in Saarbrücken (Motto: „Lernen und Handeln in der digitalen Welt“) stiehlt Ministerin Wanka den Bundesländern die Show. Die Cloud ist auch als Antwort des Bundes auf die Digitalisierungsstrategie der Länder zu verstehen. Die werden sich nämlich im Dezember in der Kultusministerkonferenz auf verbindliche Kompetenzen einigen, die beginnend vom Schuljahr 2018/19 in den Schulen vermittelt werden sollen.

          Die Schul-Cloud zeigt exemplarisch, dass digitale Medien immer nur ergänzend eingesetzt werden können, nicht aber als Allheilmittel für Unterrichtsqualität dienen werden. Wer sich eine Demokratisierung des Lernens, eine Förderung der Bildungsschwachen, individualisiertes Lernen und anderes mehr vom Einsatz der neuen Lernmedien erhofft, kann eigentlich nur enttäuscht werden. Der Unterricht wird nur so gut sein, wie der Lehrer ihn macht. Er muss entscheiden, ob ein analoges Lernmedium wie der Tafelanschrieb oder das schlichte Vokabellernen mit Karteikärtchen besser geeignet sind oder ein spezielles digitales Programm. 

          Viele Fragen sind noch offen

          Bisher ist es nämlich noch keinem Medium gelungen, das Lernen zu revolutionieren – weder der Kreide, noch dem Overheadprojektor, noch Powerpoint. Lernen bleibt ein sozialer Prozess, das haben auch die Befürworter der Digitalisierung des Unterrichts in Saarbrücken bekräftigt.

          Aber es sind auch noch viele Fragen unbeantwortet. Die Finanzierung für die Schulcloud an 40.000 Schulen steht in den Sternen. Denn die von Wanka angekündigten fünf Milliarden Euro sind noch gar nicht in den Haushalt eingestellt. Hinzu kommt das föderale Zuständigkeitsgeflecht: Die Schul-IT wird nämlich von den Schulträgern (meist Kommunen, aber auch freie Träger) beschafft, während die Inhalte von den Bundesländern verantwortet werden. Wie die Qualität der in die Schul-Cloud eingestellten Materialien geprüft werden soll, ist ungewiss. Bei Schulbüchern war das bisher vergleichsweise einfach. Das zuständige Kultusministerium hat die Vorlagen der Verlage geprüft und genehmigt. Doch wer verhindert, dass abwegige Inhalte in die Cloud geraten? Dafür können die professionellen Administratoren, die zentral für Datensicherheit und Wartung sorgen sollen, nicht auch noch zuständig gemacht werden. Wenn es nach dem Bund ginge, würden die Verhandlungen mit den Ländern schon im kommenden Frühjahr beginnen. Ob daraus etwas wird, ist allerdings zweifelhaft.

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