https://www.faz.net/aktuell/politik/schroeders-rede-in-warschau-wir-beugen-uns-in-scham-1171718.html

Schröders Rede in Warschau : „Wir beugen uns in Scham“

  • Aktualisiert am

Der Bundeskanzler verbeugt sich vor der Glocke in einer Wand, die die Namen von im Aufstand getöteten Kämpfern trägt Bild: REUTERS

          3 Min.

          Bundeskanzler Gerhard Schröder hat Entschädigungsforderungen deutscher Vertriebener an Polen erneut abgelehnt. In einer Rede zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstands bekräftigte er am Sonntag auch sein Nein zu einem Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin. Schröder nahm als erster deutscher Kanzler an den Gedenkfeiern teil. Im folgenden der Redetext in Auszügen:

          „Wir verneigen uns heute vor dem Opfermut und dem Stolz der Männer und Frauen der polnischen Heimatarmee. 63 Tage lang haben die Bürgerinnen und Bürger von Warschau den deutschen Besatzern heroisch und todesmutig Widerstand geleistet. Sie kämpften für die Freiheit und die Würde Polens. Ihr Patriotismus steht als leuchtendes Beispiel in der Geschichte der polnischen Nation.

          Wir beugen uns heute in Scham angesichts der Verbrechen der Nazi-Truppen. Sie haben 1939 Polen überfallen. Sie legten nach dem Aufstand 1944 das alte Warschau in Schutt und Asche. Unzählige polnische Frauen und Männer und ihre Kinder wurden ermordet oder in Lager und Zwangsarbeit verschleppt. An diesem Ort des polnischen Stolzes und der deutschen Schande hoffen wir auf Versöhnung und Frieden. Daß ich heute als Bundeskanzler eines anderen, freien und demokratischen Deutschlands dieser Hoffnung hier Ausdruck geben darf, ist all den Menschen zu danken, die sich wie die Aufständischen von Warschau der Nazi-Barbarei widersetzt haben.

          Und doch ist das Gedenken an sie viele Jahrzehnte lang von einer auswärtigen Macht unterdrückt worden. In den Herzen aller Polen waren die Helden der Freiheit aber nie vergessen. In Deutschland fanden wir auf der Suche nach Verstehen, Vergebung und Versöhnung lange nicht die Kraft dazu. (...)

          „Geschichte nicht umdeuten“

          Niemand kann Geschichte ungeschehen machen. Doch gerade heute in einem freien Europa, dem Polen und Deutschland als gleichberechtigte Partner angehören, darf Geschichte nicht um- oder fehlgedeutet werden. Solchen Versuchen gilt es auch weiterhin entschieden entgegenzutreten. Millionen Menschen verschiedener Nationalitäten - darunter auch zwei Millionen Polen - wurden während und nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben. Die Erinnerung an ihr schweres Leid darf uns nicht aufs Neue trennen, sondern soll uns verbinden. Um unsere gemeinsame Zukunft zu sichern, bedarf es eines guten Gedächtnisses. (...)

          Wir Deutschen wissen sehr wohl, wer den Krieg angefangen hat und wer seine ersten Opfer waren. Deshalb darf es heute keinen Raum mehr geben für Restitutions-Ansprüche aus Deutschland, die die Geschichte auf den Kopf stellen. Die mit dem Zweiten Weltkrieg zusammenhängenden Vermögensfragen sind für beide Regierungen kein Thema in den deutsch-polnischen Beziehungen. Weder die Bundesregierung noch andere ernstzunehmende politische Kräfte in Deutschland unterstützen individuelle Forderungen, soweit sie dennoch geltend gemacht werden. Diese Position wird die Bundesregierung auch vor internationalen Gerichten vertreten.

          Für ein europäisches Netzwerk

          Die Bundesregierung wendet sich auch gegen Pläne, in Berlin ein nationales „Zentrum gegen Vertreibungen“ zu errichten. Wir unterstützen die Bemühungen für ein europäisches Netzwerk, wie der polnische Staatspräsident und der deutsche Bundespräsident es vorgeschlagen haben. (...)

          Niemand kann bestreiten, daß die Arbeiterbewegung Solidarnosc die ersten Pfeiler jener Brücke gebaut hat, über die für ganz Europa der Weg in eine bessere Zukunft führt. Mit dem Beitritt Polens zur Nato und zur Europäischen Union hat sich das Vermächtnis der Warschauer Aufständischen erfüllt: ein freies, unabhängiges Polen, das in Bündnissen von Gleichen seine Sicherheit und Souveränität findet. (...)

          Dieses Werk hätten wir nicht vollbringen können ohne die polnisch-deutsche Aussöhnung. Es ist eine Ehre, an dieser Stelle an Willy Brandt und an jene Polen und Deutschen zu erinnern, die sich für diese Aussöhnung (...) eingesetzt haben. Sie ist für uns Deutsche und für ganz Europa von ausschlaggebender Bedeutung, wie die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland.

          „Wie ein Wunder“

          Angesichts unserer gemeinsamen Geschichte, in der gerade Deutsche über Polen unendliches Leid gebracht haben, wirkt diese Versöhnung noch heute wie ein Wunder. Sie konnte und kann deshalb auch nicht Sache der Politik allein sein. Viele Menschen in unseren beiden Gesellschaften haben ein dichtes Netz von Beziehungen geknüpft, das uns heute verbindet. Künstler und Wissenschaftler tragen dazu ebenso bei wie die Kirchen und vor allem junge Menschen. (...)

          Wir setzen auf die junge Generation. Ihr gehört die Zukunft. Sie zu sichern, ist unsere gemeinsame Aufgabe. Es ist die Zukunft freier Nationen im geeinten Europa. Einem Europa, das auf der Vielfalt und Kreativität unserer nationalen Kulturen und Traditionen gründet. Endlich haben wir die Möglichkeit - aber auch die Verantwortung - diese Zukunft gemeinsam zu gestalten. (...)

          Polen und Deutschland sind heute aufgerufen, ihre Partnerschaft zu einem „Zukunftspakt“ auszubauen: Zum Wohle der Menschen in unseren beiden Ländern. Zum Nutzen des freien, geeinten Europa. Und in der Verantwortung für alle Menschen dieser Erde, die um ein Leben in Freiheit und Würde ringen. Bessere Ehre können wir den Helden und Opfern des Warschauer Aufstands nicht erweisen.“

          Weitere Themen

          Klingbeils Werbetour in Polen

          Lob für Flüchtlingshilfe : Klingbeils Werbetour in Polen

          Man habe beim Thema Russland zu wenig auf die östlichen Nachbarn gehört, hatte SPD-Chef Klingbeil jüngst bekannt. Jetzt reist er nach Polen und erklärt, die Zeit der Entspannungspolitik Willy Brandts sei vorbei.

          Topmeldungen

          Den Süden im Blick: Joe Biden, der maltesische Premierminister Robert Abela und seine Frau Lydia Abela am 29. Juni in Madrid

          NATO-Gipfel : Die Bedrohungen der Südflanke im Blick

          Der NATO-Gipfel endet mit einer Debatte über Terrorismus und Instabilität in Afrika und Nahost. Der türkische Präsident droht mit dem nächsten Veto gegen eine Erweiterung der Allianz.
          Einer der Unterzeichner des offenen Briefs in der „Zeit“: Der Philosoph Richard David Precht (Archivbild)

          Prominente für Waffenpause : Frieden schaffen ohne Ahnung

          Erst der offene Brief aus der „Emma“, nun der nächste Appell in der „Zeit“: Prominente fordern, dass in der Ukraine die Waffen schweigen. Was die Ukrainer wollen, spielt offenbar keine Rolle. Und was Putins Truppen dort anrichten, auch nicht.
          Flughafen Hongkong im Juli 2021: Damals nutzten viele Menschen die letzte Chance einer vereinfachten Ausreise nach Großbritannien.

          Massenexodus aus Hongkong : Wer kann, geht fort

          Die Angst geht um in Hongkong. Chinas Propaganda ist überall, sogar im Kindergarten. Viele Einwohner sehen nur noch eine Möglichkeit: die Auswanderung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.