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Schreddern von Küken : Respekt vor dem Leben

Männliche Küken dürfen auch weiterhin massenhaft getötet werden. Bild: dpa

Während für das Haustier nichts teuer genug sein kann, spielt das Schicksal der zu Verzehr bestimmten Tiere keine Rolle. Wo bleibt der Respekt vor dem Leben?

          Unsere Kinder wissen: Nicht nur die Sterne hat Gott gezählet. „Weißt du, wie viel Mücklein spielen in der heißen Sonnenglut, wie viel Fischlein auch sich kühlen, in der hellen Wasserflut? Gott der Herr rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen, dass sie nun so fröhlich sind.“ Der evangelische Pfarrer Wilhelm Hey, der diese Zeilen 1837 dichtete, wusste natürlich auch, dass das Leben vieler Mücken und Fische, die der Herr sogar mit Namen rief, gewaltsam durch den Menschen endet. Aber auch die Krone der Schöpfung, der das Grundgesetz ein Recht auf Leben in Würde zuspricht, trägt Verantwortung für seine Umwelt, für die „natürlichen Lebensgrundlagen“, für die Tiere. Das steht mittlerweile sogar ausdrücklich im Grundgesetz, das schon in seiner Präambel die Verantwortung vor Gott betont.

          Der Mensch darf Tiere nicht quälen. Er braucht einen Grund, um sie zu töten. Einen solchen Grund hat jetzt auch das nordrhein-westfälische Oberverwaltungsgericht darin gesehen, dass die Aufzucht der ausgebrüteten männlichen Küken mit einem unverhältnismäßig großen Aufwand verbunden sei. Jedenfalls durfte der grüne Landesumweltminister das nicht durch Erlass unterbinden. Doch mit dem Schreddern und Ersticken von mehr als 40 Millionen männlichen Küken jedes Jahr wird es wohl ohnehin bald ein Ende haben: Nach dem Willen der Bundesregierung sollen bald männliche Küken schon so früh erkannt werden, dass sie gar nicht mehr schlüpfen.

          Das sieht nach Fortschritt aus. Jedenfalls muss darüber der Gesetzgeber entscheiden. Im Umgang mit Tieren zeigt sich der Mensch. Während man mitunter den Eindruck hat, die zahlreichen privat krankenversicherten Hunde und Katzen, die angeblich nur spielen wollen, hätten mehr Rechte als die Mitmenschen, ist die Massentierhaltung und Massenschlachtung Ausdruck der Gier nach möglichst kostenlosen Lebensmitteln. Während für das geliebte Haustier nichts teuer genug sein kann, spielt das Schicksal der zu Verzehr und Verwertung bestimmten Tiere keine Rolle. Dabei sollte zu denken geben, dass die Frage, was zur Verwertung bestimmt ist, auch einmal anders beantwortet werden kann. Respekt vor allem Leben – kein schlechter Ratgeber für den Gesetzgeber, für die Gesellschaft, für jeden Einzelnen. So neu ist das nicht. Auch die Küken hat Gott gezählet.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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