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: Schöne neue Welt

Als er fertig mit dem Klatschen ist, den Maßkrug geleert und wieder auf den groben Holztisch gestellt hat, erhebt der Mann sich, macht ein ebenso zufriedenes wie entschlossenes Gesicht und sagt einen Satz, der für einen Politiker ...

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          Als er fertig mit dem Klatschen ist, den Maßkrug geleert und wieder auf den groben Holztisch gestellt hat, erhebt der Mann sich, macht ein ebenso zufriedenes wie entschlossenes Gesicht und sagt einen Satz, der für einen Politiker in Bayern so etwas wie eine Heiligsprechung zu Lebzeiten ist: "Das war die zweitbeste Rede, die ich hier in Keferloh in all den Jahren gehört habe. Gleich nach der von Franz Josef Strauß." Der Mann mag, wie die meisten im Festzelt, um die sechzig sein und ist mit seiner Frau zum "Keferloher Montag" gekommen. In dem kleinen Ort Keferloh in der Gemeinde Grasbrunn, eine halbe Autostunde östlich von München, findet seit Jahrhunderten alljährlich ein Bauernmarkt statt, zu dessen Höhepunkten seit nicht ganz so langer Zeit der Auftritt eines politischen Stargasts gehört.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Dieses Mal, am vergangenen Montag, ist es Karl-Theodor zu Guttenberg, der weniger in seiner Funktion als Verteidigungsminister angereist ist denn als prominenter CSU-Politiker. Guttenberg bezeichnet manche seiner Ansichten gern als konservativ, auch insofern passt er zu seinem politischen Ahnen Strauß, der es allerdings nicht nötig hatte, besonders auf seine konservative Gesinnung hinzuweisen, weil das für jedermann deutlich war. Das gab es mal, man konnte damit sogar populär sein und Wahlen gewinnen.

          Strauß, um noch einen Moment in der Vergangenheit zu bleiben, pflegte zu sagen, "rechts von der Union" dürfe es "keine demokratisch legitimierte Partei" geben. Es bestand in der CSU schon vor Jahrzehnten die Sorge, wenn eine Volkspartei nicht die Bedürfnisse des Volkes in seiner ganzen Breite bediene, dann werde sie irgendwann eine Konkurrenz bekommen, mit der sie sich um die Stammwähler balgen müsse. Strauß wusste genau, wovon er sprach. Gerade in Bayern wildern Freie Wählergemeinschaften längst sehr erfolgreich in den Jagdgründen der CSU, auch wenn diese nicht in die Schublade "rechts" geworfen werden können. In Grasbrunn bekamen bei der Gemeinderatswahl vor zweieinhalb Jahren die beiden Freien Wählergemeinschaften zusammen mehr Stimmen als die CSU, die unter der 30- Prozent-Marke blieb. Am besten schnitt schließlich die SPD ab.

          Hier also steht Karl-Theodor zu Guttenberg im Festzelt mit einem etwas lächerlichen, aber offenbar traditionsbehafteten Strohhut auf dem Kopf und muss die mindestens 500, überwiegend männlichen Gäste davon überzeugen, dass es keinen Grund gibt, das Kreuzchen bei der Wahl nicht bei der Union - in Bayern also der CSU - zu machen. Die Aufgabe ist deshalb heikel, da in Berlin gerade ein Mann politisch hingerichtet wird, der zum Thema Ausländerintegration Thesen äußert, die viele im Festzelt unterschreiben würden. Guttenberg muss Angela Merkels Umgang mit Thilo Sarrazin erklären. Und er kann froh sein, dass es in diesem Moment noch zwei Tage hin ist, bis der Streit über die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, eskaliert.

          Die Lage der Union ist ohnehin von Maßkrug, Strohhut und der Leichtigkeit eines Bierzeltaufenthalts weit entfernt. Vielmehr herrscht eine Mischung aus Krisenstimmung und Angst. Noch nie wurde in Unionskreisen so oft geraunt und gewispert, wenn es so weitergehe, dann sei es bis zur Bildung einer neuen Partei, die diesmal nicht der SPD, sondern der Union Konkurrenz mache, nur noch ein kleiner Schritt. Dass tatsächlich am Freitag René Stadtkewitz in Berlin ankündigte, er werde eine neue Partei namens "Die Freiheit" gründen, nachdem er im Streit über islamkritische Äußerungen aus der CDU-Fraktion des Abgeordnetenhauses ausgeschlossen worden war, ist dabei eher ein kleiner Gag. Stadtkewitz ist hinlänglich unbekannt und weit davon entfernt, in der CDU das Gewicht für solch eine Neugründung zu haben. Doch immer häufiger heißt es, wenn erst die Richtigen sich entschlössen, dann könnte bald genau das passieren, was Strauß immer verhindern wollte.

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