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Saudi-Arabien : Flucht vor der Religion

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Es heißt, Konvertiten seien oft eifriger, religiöser als diejenigen, die in einen Glauben hineingeboren werden. Wenn man Hamd beobachtet, gewinnt man den Eindruck, dasselbe sei der Fall bei Menschen, die ihren Glauben abgelegt haben. „Im Nahen Osten kann man nicht sagen, dass man Atheist ist. Jetzt, wo ich es endlich kann, würde ich mir am Liebsten ein T-Shirt kaufen, wo das draufsteht“, sagt Hamd.  Auf ihre rot lackierten Fingernägel hat sie ein schwarzes A gemalt, A für Atheistin.

Deutschland als gelobtes Land?

Sie sagt, sie sei erstaunt, dass Nichtreligiöse in Deutschland sich nicht in großem Stil organisieren. Dass die meisten von ihnen es schlicht und einfach nicht für nötig halten in einem Land, in dem Gleichgültigkeit gegenüber der Religion in vielen Milieus zur Norm geworden ist, das versteht sie erst ansatzweise.

Man hat den Eindruck, dass Deutschland für Hamd das gelobte Land ist, in das sie all ihre Wünsche und Träume hineinprojiziert hat. Langsam verflüchtigt sich die Illusion. Sie habe kaum glauben können, sagt Hamd, dass es auch hier in staatlichen Schulen Religionsunterricht gebe. Kinder, so meint sie, sollten von allem Religiösen verschont bleiben, so dass sie als Erwachsene selbst entscheiden können, ob und was sie glauben. Sie war entsetzt davon, dass, wie man ihr erzählt hat, auch deutsche Männer sexuell übergriffig werden können. Wie im öffentlichen Diskurs zum Teil mit dem Fall Gina-Lisa Lohfink umgegangen wird. Am meisten aber erschütterte sie die Begegnung mit einer jungen Deutschtürkin, die ihr erzählte, sie habe keinen Freund, aus Angst vor ihrer Familie. Dass so etwas in Deutschland möglich sei, das habe sie nicht gedacht.

Bald wird Hamd die Unterkunft verlassen. Die religionskritische Giordano-Bruno-Stiftung hat ihr geholfen, eine Wohnung zu finden. Jetzt wartet Hamd nur noch darauf, dass das  Sozialamt zustimmt. Und dass sie endlich einen Termin für ihre Anhörung bekommt; noch weiß sie nicht, ob ihr Asyl gewährt wird.

Ihre Tage verbringt sie vor allem damit, zu lesen. Immer wieder fährt sie in die Zentralbibliothek am Neumarkt. „Dort ist es ruhig, ich fühle mich zuhause und bin glücklich.“ Wenn das Wetter schön ist, setzt sie sich manchmal auch in einen nahegelegenen Park. Momentan arbeitet sie sich durch ein Buch über Algebra. Denn Hamd träumt von einem Studium, Physik vielleicht oder Nukleartechnik.

„Ich suche immer noch nach Antworten. Darauf, was nach unserem Tod passiert, darauf, wie das Universum entstanden ist und wie es enden wird. Ich will Antworten auf die Fragen, warum wir hier sind, warum die Luft, die Sonne, so sind wie sie sind. Aber ich weiß jetzt, dass diese Antworten nicht aus heiligen Büchern kommen, sondern aus der Wissenschaft.“

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