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Saudi-Arabien : Flucht vor der Religion

  • -Aktualisiert am

Von Griechenland reist Hamd weiter über Mazedonien, Serbien, Ungarn, die Slowakei, Österreich, bleibt immer eine Zeitlang in Flüchtlingscamps entlang der Strecke, bis sie im November 2015 Deutschland erreicht. Auf dem Weg trifft sie das erste Mal in ihrem Leben einen israelischen Juden, also einen Angehörigen derjenigen Gruppe, von der sie in der Schule gelernt hat, sie seien für alles Böse auf der Welt verantwortlich. Der Arzt, der für die UN arbeitet, ist ihr sofort sympathisch. Zusammen machen sie ein Erinnerungsfoto. Eigentlich will Hamd nach Schweden, aber dafür reicht das Geld nicht mehr, und sie ist reisemüde geworden. Und sie hat gehört, dass Deutschland ein gutes Bildungssystem hat.

In der Baracke am Stadtrand von Köln, in der sie heute, mehr als ein halbes Jahr später, wohnt, fühlt sich Hamd nicht wohl. Von den anderen Bewohnern hält sie sich fern, hat Angst, Probleme zu bekommen, wenn sie ihre Geschichte erzählt, befürchtet, dass manche von ihnen gar ihre Familie kennen könnten. Sie vermutet, dass man sie für eine Christin hält, weil sie kein Kopftuch trägt. In der Unterkunft ist es laut und voll, Kinder schreien. Und wenn sie frühmorgens von den lauten Koranrezitationen geweckt werde, die der Mann zwei Zimmer weiter hört, sagt Hamd, habe sie das Gefühl, Saudi-Arabien nie verlassen zu haben.

Einmal ist sie so genervt davon, dass sie einen gotteslästerlichen Spruch auf Arabisch auf einen Zettel schreibt, den sie heimlich unter seiner Tür durch schiebt. Der Mann, so glaubt sie, weiß bis heute nicht, dass die Nachricht von ihr kam, die Heimleitung hingegen, die weiß, dass sie Atheistin ist, stellt sie zur Rede.

Kampf gegen Stereotype

„Ich hasse Muslime nicht“, sagt Hamd. „Ich habe auch sehr gute muslimische Freunde, die mich so akzeptieren, wie ich bin.“ Sie möchte nicht, dass ihre Geschichte instrumentalisiert werde, um Hass auf Migranten zu schüren. „Was ich hasse, das ist, dass uns die Rechte im Namen der Religion genommen werden, vor allem den Frauen. Religion sollte uns Frieden bringen und nicht Regeln auferlegen.“ Und: Es scheint ihr, dass viele Deutsche Araber automatisch mit Muslimen gleichsetzen. Das frustriert sie. „Ich möchte das Stereotyp aufbrechen, dass arabische Frauen alle Muslimas sind und sich verschleiern. Es gibt arabische Atheistinnen.“

In einem Video auf YouTube schlägt Hamd allerdings deutlich markigere Töne an, prophezeit eine „gesellschaftliche Katastrophe“ in Deutschland, da die meisten Neuankömmlinge „geistig im Mittelalter leben“ würden und das Land „vernahöstlichen“ wollten, spricht davon,  dass das „Asylrecht im Dienste einer Völkerwanderung missbraucht wird.“

Als Hamd dieses Video dreht, ist sie kaum vier Monate in Deutschland. Dass sie mit ihren Aussagen Applaus von der falschen Seite bekommen könnte, von denen, die auf Frauen und Kinder schießen wollen, von denen, die lieber Flüchtlingsheime anzünden, als humanistische Religionskritik zu betreiben, von denen, die ein Weltbild pflegen, das sich von dem fundamentalistischer Muslime nur unwesentlich unterscheidet, das versteht sie erst allmählich. Als sie die gleiche Rede später noch einmal vor einem anderen Publikum hält, lässt sie einige Passagen weg und schwächt andere deutlich ab.

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