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Saudi-Arabien : Flucht vor der Religion

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Sie beginnt, Pläne zu schmieden. Eine Niederländerin, die Hamd in Riad kennengelernt hat, und die mittlerweile in die Heimat zurückgekehrt ist, lädt sie ein, zu ihr zu kommen, aber die Botschaft verweigert ihr das Visum. Eine Zeitlang phantasiert sie davon, einen Mann zu heiraten, der ihre Ansichten teilt, und gemeinsam mit ihm das Land zu verlassen, aber es findet sich kein geeigneter Kandidat. Die Zeit wird knapp, Ende 2015 wird ihr Reisepass ablaufen. Einen neuen kann sie nicht beantragen, weil die syrische Botschaft in Saudi-Arabien geschlossen ist.

Hamd bleibt nur die Flucht in die Türkei, in ein Land, für das sie kein Visum braucht. Eigentlich dürfen Frauen das Land ohne Erlaubnis ihres Vormunds nicht verlassen. Aber Hamd hat Glück. Da sie Ausländerin und berufstätig ist, ist ihr Arbeitgeber, nicht ihr Vater, verantwortlich. Ihr Vorgesetzter in der Förderschule glaubt ihr die Geschichte vom Familienurlaub, die sie erzählt, und unterschreibt das Formular, mit dem sie ein Ausreisevisum bekommt.

Am 26. Mai 2015 fliegt Hamd über Dubai nach Istanbul. Dort bleibt sie ein paar Tage in einem Hotel. In der Minibar findet sie eine Flasche Wein. Es ist das erste Mal in ihrem Leben, dass sie mit Alkohol konfrontiert wird. Sie schleicht um die Flasche herum, macht Bilder davon, traut sich aber nicht, davon zu trinken. Zu sehr hat sie Angst vor dem Unbekannten.

Es ist Hamds erste Auslandsreise, abgesehen von Familienurlauben in Syrien. Nach vier Tagen nimmt sie den Bus nach Izmir, dort wohnt ein Freund, den sie über das Internet kennen gelernt hat. Beim Ticketkauf muss sie ihren Pass nicht vorzeigen und kann so zum ersten Mal mit ihrem neuen Namen unterschreiben. 

In Izmir, einer der liberalsten Städte der Türkei, mietet Hamd mit Hilfe ihres Freundes eine kleine Wohnung an. Endlich kann sie Hamd all das tun, wovon sie so lange geträumt hat. Sie geht in Clubs feiern, trinkt in einer Bar zum ersten Mal Alkohol, tanzt in einem kurzen Kleid zur Straßenmusik. Aber die Angst lässt sie nicht los. Über Freunde erfährt sie, dass ihre Familie an ihrem Arbeitsplatz und am Flughafen erschienen ist und Auskunft über ihren Verbleib eingeholt hat. Hamd hat Angst, ihre Familie könne in die Türkei fliegen und nach ihr suchen. Sie schneidet sich die Haare kurz, färbt sie blond, legt sich farbige Kontaktlinsen zu. Wenn ihre Eltern Fotos von ihr herumzeigen und nach ihr fragen, so hofft sie, wird niemand sie erkennen.

Mit anderen Atheisten vernetzt

Nun zahlt es sich aus, dass Hamd online gut mit Atheisten aus aller Welt vernetzt ist: Armin Navabi, der Gründer der Online-Community „Atheist Republic“, stellt eine Crowdfundingseite für sie ins Netz. Damit sammelt der Exiliraner, der in Kanada lebt, Spenden, die Hamds weiteren Weg finanzieren sollen, und schickt ihr das Geld per Western Union. Insgesamt fünf Monate verbringt sie in Izmir, versucht mehrmals, ein Schengenvisum zu bekommen, doch vergebens. Schließlich entscheidet sie sich, illegal in die EU zu reisen. Der erste Versuch schlägt fehl, weil die Polizei auftaucht, bevor das Boot ablegen kann; Hamd muss fliehen. Ihre neunhundert Dollar bekommt Hamd aber nicht zurück. Das zweite Mal erscheint der Schlepper gar nicht erst. Das dritte Mal klappt es endlich. Als Hamd schließlich griechischen Boden betritt, bricht sie zusammen. Die herbeigerufene Ärzte hätten einen Schock diagnostiziert, erzählt sie.

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