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Saudi-Arabien : Flucht vor der Religion

  • -Aktualisiert am

Ihre Familie ahnt nichts

Ihre Familie ahnt von all dem nichts. Vor ihnen tut Hamd weiterhin so, als bete sie fünfmal am Tag, als habe sich nichts verändert. Nur im Internet kann sie schreiben, was sie wirklich denkt. Immer stärker vernetzt sie sich mit atheistischen Gruppen aus aller Welt, die zum Beispiel  Faith2Faithless, Ex-Muslims of North America, Atheist Republic heißen.

Aber sie erlaubt sich kleine Fluchten im Alltag. Sie entscheidet sich, an ihrem Arbeitsplatz den verhassten Gesichtsschleier abzulegen und sich zu schminken. Ihre Eltern akzeptieren das, aber als ihr älterer Bruder es herausfindet, wird er wütend. Er vermutet, dass sie sich heimlich mit Männern trifft. In einer Tasche in ihrem Zimmer versteckt er ein Abhörgerät. Als Hamd mit einem Freund telefoniert, dabei lacht und herumalbert, fühlt er sich in seinem Verdacht bestätigt, stürmt in ihr Zimmer und drischt auf sie ein, bis sie zu Boden geht. Er wolle sie umbringen, ruft er dabei. Hamds Vater hört ihre Hilfeschreie und geht dazwischen. Nach diesem Vorfall aber wird sie noch unglücklicher, will nicht mehr leben und schneidet sich kurz darauf die Pulsadern auf. Ihr Vater findet sie rechtzeitig und bringt sie ins Krankenhaus, wo ihr das Leben gerettet wird.

Danach scheint zunächst Ruhe in Hamds Leben einzukehren, zumindest äußerlich. Sie nimmt einen neuen Job an, als Sekretärin an einer Förderschule für geistig behinderte Kinder, beginnt nebenbei ein Anglistikstudium. Nicht ihr Traumfach, aber alle Studiengänge, die sie mehr interessieren würden, kosten teure Gebühren oder sind für Frauen nicht zugänglich.

Als sie auf Twitter schreibt, sie zweifle an ihrer Religion, erfährt das über Umwege ihre Mutter, die daraufhin sehr wütend wird. Einen Monat lang wird Hamd im Haus eingesperrt, darf nicht zur Schule oder zur Uni, Laptop und Handy werden ihr weggenommen. Ihre Mutter zwingt sie, vor ihr zu beten, den Koran zu rezitieren, schleppt sie anschließend auf eine Pilgerfahrt nach Mekka, in die heilige Stadt, die Nichtmuslime nicht betreten dürfen.

Ihr bleibt nur die Flucht

Hamd bleibt nichts anderes übrig, als mitzumachen. „Ich konnte meine Gefühle nicht nach außen zeigen, aber innerlich habe ich geweint und geschrien“, sagt sie. In Mekka, nahe der Kaaba, macht sie heimlich ein Foto von ihrer Hand, die einen Zettel hält mit der Aufschrift „Atheist Republic“ und stellt es ins Internet. „Ich wollte damit sagen: Ich bin Atheistin und ich bin hier! Ich kann mich nicht wehren, ich kann nicht sagen, dass ich Atheistin bin, sonst wird man mich umbringen! Und ich wollte allen Atheisten in Saudi-Arabien sagen: Ihr seid nicht allein. Ich weiß, wie ihr euch fühlt. Eines Tages werdet ihr hier rauskommen.“ Das ist der Moment, in dem Hamd das erste Mal konkret darüber nachdenkt, zu fliehen.

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