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Saudi-Arabien : Flucht vor der Religion

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Mit 19 soll Hamd verheiratet werden, in Syrien findet sogar eine Verlobungsfeier statt, doch die Pläne zerschlagen sich,  weil der Bräutigam nicht nach Saudi-Arabien ziehen will und sie nicht nach Syrien. In den darauffolgenden Jahren bekommt sie noch dreimal Heiratsanträge von saudischen Männern, lehnt sie aber ab mit der Begründung, sie wolle erst einmal ihre Ausbildung voranbringen. Sie besucht Berufsschulkurse in Englisch und EDV, arbeitet danach als Rezeptionistin und Bürokraft  in verschiedenen Arztpraxen und Krankenhäusern.

Natürlich habe sie sich manchmal Fragen gestellt, sagt Hamd. Habe es bedauert, dass ihre Lieblingsschauspielerin Angelina Jolie in der Hölle landen wird, weil sie keine Muslimin ist. Trotzdem sei sie nie auf die Idee gekommen, den Islam infrage zu stellen. Diese Möglichkeit habe in ihrem Universum einfach nicht existiert. Einer Umfrage aus dem Jahr 2012 zufolge bezeichnen sich 14 Prozent aller Saudis als nicht religiös, weitere fünf Prozent sogar als Atheisten. Aber so etwas wird in der saudischen Öffentlichkeit nicht diskutiert.

Evolutionstheorie als Erweckungserlebnis

Hamds Familie ist tiefreligiös. Hamd darf das Haus ohne Begleitung kaum verlassen. Da Frauen in Saudi-Arabien nicht Auto fahren dürfen, heuern viele von ihnen einen Chauffeur an, aber Hamds Familie besteht darauf, sie regelmäßig zur Arbeit und zurück zu fahren. Sie wollen nicht, dass sie alleine unterwegs ist.

An einem Tag im Jahr 2011 stöbert Hamd wieder einmal auf Twitter. Einer ihrer Kontakte, sieht sie, hat einen Tweet geteilt von jemandem, der sich „Arab Atheist“ nennt. Das Wort „Atheist“ hat Hamd noch nie gehört. Sie gibt es bei Google Translator ein. Als Definition steht dort: „Eine Person, die nicht an Gott oder Götter glaubt.“ Hamd ist schockiert. Aber sie will mehr erfahren.

Sie beginnt, Arab Atheist auf Twitter zu folgen, später mit ihm zu chatten. Er erklärt ihr seine Sicht der Welt, empfiehlt ihr Dokumentationen, zum Beispiel über die Evolutionstheorie, danach Bücher, arabische Übersetzungen von Richard Dawkins, Nietzsche, Voltaire, Darwin. Noch möchte sie sich bestätigen, dass sie das Richtige glaubt, dass die Wahrheit im Islam liegt. Aber je mehr sie liest, desto mehr  kommen ihr Zweifel.

Hamd erfährt von der Evolutionstheorie, vom Urknall, von Dingen, die nicht auf dem Lehrplan ihrer Schule standen. „Ich habe geweint, als ich herausgefunden habe, was ich alles nicht gelernt habe, was man mir vorenthalten hat“ sagt sie. Nach etwa einem Jahr stellt sie fest, dass sie nicht mehr glauben kann, weil sie zu viele Widersprüche im Koran sieht.

Das sei für sie wie ein Schock gewesen, sagt Hamd. Sie habe das Gefühl gehabt, zu viel Zeit ihres Lebens verschwendet zu haben, belogen worden zu sein. Sie fühlt sich allein und verlassen ohne das Gefühl, dass Gott ein Auge auf sie hat. „Der Islam ist nicht nur deine Religion. Es ist, als sei er auch deine Nationalität, als seist du Teil einer großen Familie“sagt sie. 

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