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Sarrazin und Weber : Kabale unter Bundesbankern

Thilo Sarrazin und Axel Weber Bild: Marco Urban, Frank Röth

Dass der ehemalige Senator provokativ über die Hauptstadt und ihre Bewohner geredet hatte, fiel zunächst kaum jemandem auf. Erst die Bundesbank zündete den Skandal. Ein Versehen war das nicht, wie Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ergaben. War es eine Falle im internen Machtkampf?

          Die Geschichte beginnt in Frankfurt, vorderhand endet sie auch dort. Aber eigentlich ging es um Berlin. Und Berlin ist krank. Die Zahl, die das vielleicht am eindrucksvollsten zeigt, ist die der anonymen Beisetzungen: Sie nähert sich zusehends den fünfzig Prozent. Das hat viele Ursachen, Mode, Leere. Die wichtigste ist Einsamkeit: dass hier so viele Menschen einsam sterben, und arm.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Vorurteil gegen Rot-Rot hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit Lügen gestraft, indem er seinen langjährigen Finanzsenator Thilo Sarrazin den Haushalt sanieren ließ. Berlin nimmt keine Schulden mehr auf, statt fünf Milliarden Minus lag es nach sieben Jahren Sarrazin eine Milliarde im Plus, aber am Ende musste selbst Sarrazin sich geschlagen geben. Berlin kann sich aus eigener Kraft nicht erheben, das ist nicht bloß Sarrazins These, es ist Realität. Von den knapp 30 Milliarden, die Berlin im Jahr ausgibt, stammen acht aus Mitteln des Bundes und der anderen Länder, zwei davon gehen für Zinsen drauf; ein erheblicher Teil des gewaltigen Haushalts der unproduktiven Stadt ernährt beträchtliche Teile der Stadtbevölkerung. Berlin ist ein maßgebliches Hindernis nicht nur für die eigene Haushaltssanierung, sondern auch für die anderer Länder.

          Es gibt aber niemanden, der das ausspricht, keinen Politiker, außer Sarrazin. Sagt Frank Berberich, Chefredakteur von „Lettre“. Er lud Sarrazin zu einem Interview, und in einem von über vierzig Beiträgen eines grandiosen Heftes über „Berlin auf der Couch“, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, sezierte der ehemalige Finanzsenator sein Berlin, eine schonungslose, mitunter fast gnadenlose Pathologie auf fünf großen, engbedruckten Seiten. In der ihm eigenen, zuspitzenden, mitunter auch plakativ übertreibenden Art, aber ernsthaft.

          Thilo Sarrazin und Axel Weber

          Sarrazin strahlt eine unbewusste Arroganz aus

          Es ging darin um die Berliner Subventionsmentalität, die Schlamperei, die abhängige Unterschicht – und schließlich Ausländer vornehmlich türkischer Herkunft, die in dieser Unterschicht eine mächtige Kohorte bilden, die auf Ermunterungen wie die des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Köln, Assimilation sei ein Verbrechen, nicht wirklich angewiesen ist.

          Sarrazin hat in seinem Leben viel geleistet und weiß das. Er strahlt eine unbewusste Arroganz aus, über die er kein Getue breitet. So ein Mann hat viele natürliche Feinde. Außerdem provoziert er absichtlich; das war in der Vergangenheit nicht der Stil der Bundesbank, die im wirtschaftskulturellen Gefüge der Bundesrepublik der Areopag ist, auch wenn sie ihre Kernkompetenz (aber nicht die zahlreichen Mitarbeiter) längst eingebüßt hat.

          Als Sarrazin im Februar von Berlin und Brandenburg für den Bundesbankvorstand vorgeschlagen wurde, gab es dort Unruhe. Sarrazin rief den Präsidenten Axel Weber an, um ihm die bevorstehende Entscheidung mitzuteilen; Weber sollte davon nicht aus Zeitungen erfahren. Nach allem, was man hörte, war es ein freundliches Gespräch, bei dem sich Sarrazin um die freiwerdende Zuständigkeit für Internationales bewarb; wenig später fand er die vertraulich ausgesprochene Bitte in den Zeitungen wieder, zusammen mit der Mitteilung, dass sie abgeschlagen wurde. Die erste Niederlage wurde ihm schon beigebracht, bevor er angefangen hatte.

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