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Salzburg und Bayreuth : Gilt's noch der Kunst?

  • -Aktualisiert am

Zwischen Mythos und Moderne: Szene aus der Bayreuther „Ring”-Inszenierung 2006 Bild: dpa

Jetzt werden die beiden großen Festspiele eröffnet: ehrwürdig, opulent, umkämpft. Das eine erstmals unter neuer Leitung, das andere vor dem Intendantenwechsel. Doch Salzburg und Bayreuth müssen sich auch der Sinnfrage stellen.

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          An diesem Mittwoch wird in Bayreuth wieder der rote Teppich zur Eröffnung der Festspielsaison ausgerollt. Das alljährliche Sommertheater um die Nachfolge des siebenundachtzig Jahre alten künstlerischen Festspielleiters ist schon seit längerem in vollem Gange. Die PR-Maschinerie für Katharina Wagner und ihre Inszenierung der „Meistersinger“ läuft seit Wochen auf vollen Touren. Die Fülle an Vorberichten und Interviews vermittelt geradezu den Eindruck, es könne für den Wagnerianer heute überhaupt nur eine einzige brennende Frage geben, nämlich die, ob der Stiftungsrat die Wagner-Tochter dereinst als neue künstlerische Leiterin vorschlagen und der Festspielpatriarch sich endlich aus seinem Amt erlösen lassen wird oder nicht (siehe auch: Bayreuther Vertragslage: Wolfgang Wagners Rechte).

          Anders als im heftig geführten Nachfolgekampf vor sieben Jahren, als das von Nike Wagner und Elmar Weingarten vorgelegte Konzept einer Neuorientierung der Richard-Wagner-Festspiele für Wirbel sorgte, scheint es mittlerweile überhaupt nur noch um personelle Fragen zu gehen. Gerade vor dem Hintergrund der jüngeren Festspielgeschichte Bayreuths stimmt der frische Reklamewind, der dieses Jahr auf dem grünen Hügel zu wehen begonnen hat, skeptisch. Nach jahrzehntelanger künstlerischer Stagnation - ablesbar zunächst an Wolfgang Wagners eigenen, altbackenen Inszenierungen, sodann auch an seiner richtungslosen, kompromisshaften Öffnung für andere Regisseure - folgte von 2001 an, nachdem die Wahl des Stiftungsrates auf Eva Wagner-Pasquier gefallen war, die überraschende Kehre.

          Wagners Vermächtnis - wirklich nur ein großes Werbespektakel ?

          Wie um dem Vorwurf der greisenhaft-reaktionären Erstarrung entgegenzuwirken, warf sich der in puncto Nachfolgefrage aller Vernunft und allen Beschlüssen trotzende Festspielleiter plötzlich seinen künstlerischen Feinden an den Hals. Doch dabei spekulierte er mehr mit der Medienwirksamkeit kontrovers diskutierter Namen wie Lars von Trier und Christoph Schlingensief als auf die zu erwartende ästhetische Qualität.

          Kraftakt Salzburg: Michael Schade dortselbst in Haydns „Armida”

          In seinem altfränkischen Konservativismus ging es Wolfgang Wagner seit jeher weniger um die Bewahrung der Kunst als um das Beharren auf der Konvention. Nun hat er Bayreuth auf die Vermarktungsschiene gesetzt. Will er als Vermächtnis wirklich nur ein großes Werbespektakel hinterlassen? Zu hoffen bleibt, dass die Diskussionen über die Zukunft Bayreuths vom Herbst an, wenn der Stiftungsrat die Position des künstlerisches Leiters neu ausschreiben möchte und eine viermonatige Bewerbungsfrist beginnen wird, wieder an Substanz gewinnen. Dann erst wird man auch beurteilen können, ob Katharina Wagner, die augenblicklich nur beteuern kann, sie habe ein „Konzept im Kopf“, auch eigene Ideen in die Waagschale zu werfen hat.

          Salzburg als Sinnbaldachin

          Komplizierter liegen die Dinge in Salzburg. Will man nämlich darüber reden, ob die Programmatik des neuen Intendanten Jürgen Flimm dem Geist des Festivals wohl gerecht werden wird, muss man sich zunächst fragen, worin dieser überhaupt bestehe. Als Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal 1920 die Salzburger Festspiele begründeten, verfolgten sie kein geringeres Ziel, als in dem durch Kriegserfahrung und Zerstörung der alten Ständewelt entstandenen Werte-Vakuum einen neuen Sinnbaldachin zu spannen. Anders als in Bayreuth, wo die Initialidee klar auf das Werk Richard Wagners und seine idealen Aufführungsbedingungen bezogen war, wurde dem weltanschaulichen Element in Salzburg von Anfang an eine synthetisierende Rolle zugemutet. Alles was versprach, weltbildstiftend zu wirken, wurde ohne Rücksicht auf Verträglichkeit zusammengemixt: Elemente des barocken Festes, die Sakralisierung der Kunst in der Wiederbelebung des Mysterienspiels, das aufklärerische Theater im Sinne Lessings und zugleich die „directeste stofflich simpelste Wirkung“ auf den bäuerlichen, „einfachen“ Menschen, wie Hofmannsthal schwärmte.

          Seither muss sich das Gelingen dieses als „hohes Festspiel“ konzipierten Kultes des Schönen daran messen, ob er sich jenseits weltanschaulicher Irrationalitäten in einen Kult des Werkes transformieren lässt. Anders gesagt, erweist sich sein Sinn daran, ob die Privilegien der Festspielsituation - ihr Ausstattungsvorteil, ihre Außeralltäglichkeit, die Vergemeinschaftungsbereitschaft des Publikums, die Salzburger Kulisse - auch als Chancen einer gesteigerten Kunstwahrnehmung genutzt werden.

          Ohne eine Vision funktioniert dieses Festival nicht

          Als Gérard Mortier nach dem Tod Herbert von Karajans begann, das moderne Regietheater nach Salzburg zu holen, und Hans Landesmann die neue Musik ins „normale“ Konzertprogramm integrierte, war dies eine Erneuerung, der es um ästhetische Korrespondenzen ging. Der prächtige Luxusbetrieb erhielt unter Mortier ein markantes Gesicht. Sein Glanz wurde sublimiert. Künstlerische Ausstrahlung und äußerer Glamourfaktor gingen eine fragile Liaison ein.

          Schon bei Peter Ruzicka verkam die Reform zu einer Verbeugung gegenüber dem politisch korrekten Zeitgeist. Ob die Programmatik des neuen Festspielleiters Jürgen Flimm über eine bloße Konzeptbastelei hinausgeht, muss sich nun erweisen. Unter ästhetischen Gesichtspunkten scheinen die Werke, die er unter dem Motto „Die Nachtseite der Vernunft“ versammelt hat, wenig gemein zu haben. Und seine Bekundung, man wolle Werke aufs Programm setzen, die bislang in Salzburg selten gespielt wurden, klingt wenig verlockend nach Resteverwertung. Ohne eine Vision funktioniert dieses Festival nicht. Ohne Opulenz freilich geht es auch nicht. Deshalb klingen die jüngsten Meldungen beunruhigend, wonach die Finanzierung der Festspiele unter den seit Jahren eingefrorenen Subventionen leide.

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