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Salomon Lerner : Wahrheitssucher

  • -Aktualisiert am

Salomon Lerner (2002) Bild: AP

Als nach dem Sturz des früheren peruanischen Präsidenten Fujimori die Übergangsregierung des Nachfolgers Paniagua eine "Wahrheitskommission" ins Leben rief, war es nicht einfach jemand für den Vorsitz zu finden. Lerner, Rektor der Katholischen Universität in Lima, erwies sich bald als Glücksfall für die Position.

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          Als nach dem Sturz des früheren peruanischen Präsidenten Fujimori die Übergangsregierung des Nachfolgers Paniagua eine "Wahrheitskommission" ins Leben rief, die alle in den vergangenen zwanzig Jahren begangenen Menschenrechtsverletzungen ermitteln und dokumentieren sollte, war es nicht einfach, eine von allen Seiten geachtete Persönlichkeit für den Vorsitz zu finden. Allzu viele waren in die von Fujimori und seinem "Berater" Montesinos geübte Korruption verstrickt. Salomón Lerner, Rektor der Katholischen Universität in Lima, erwies sich jedoch bald als Glücksfall für die Position.

          Vor wenigen Tagen hat Lerner den Abschlußbericht der Kommission vorgelegt, ein neun Bände umfassendes Werk mit mehreren tausend Seiten und sechs Anhängen mit Namen und Daten von Betroffenen. Für Überraschung sorgte in der Öffentlichkeit die hohe Zahl von Opfern, die in dem Bericht genannt wird: fast 70.000, doppelt so viele, wie man angenommen hatte. Für ihre Arbeit ernteten Lerner und seine Kommission keineswegs nur Zustimmung. Vor allem bei Militär und Polizei, aber auch bei der katholischen Kirche, die gar nicht günstig wegkommt, regte sich Widerspruch. In dem Bericht wird zwar die Guerrilla des "Leuchtenden Pfades" für mehr als die Hälfte der zwischen 1980 und 2000 begangenen Greueltaten verantwortlich gemacht, zugleich werden aber dem Staat und seinen Sicherheitskräften mehr als dreißig Prozent der schweren Menschenrechtsverletzungen angelastet.

          Man habe allen Betroffenen die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt, nicht auf ihre Herkunft geachtet, sagt Lerner, der selbst jedes polemisch zugespitzte Wort auf die Goldwaage legt, Gelassenheit ausstrahlt und auf Ausgleich bedacht ist. Der 59 Jahre alte Lerner ist Philosoph, ein Heidegger-Spezialist. Er studierte zunächst an der Katholischen Universität in Lima und promovierte im belgischen Leuven. In Berlin und Köln absolvierte er Postgraduierten-Studien. Bald nach seiner Rückkehr übernahm er Professuren und Verwaltungsposten an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der "Católica", seit 1994 ist er deren Rektor. Nach dem Fall Fujimoris entließ er alle Professoren, die mit dessen Regime in Verbindung standen. Während seiner Tätigkeit an der Spitze des später in "Wahrheits- und Versöhnungskommission" umbenannten Gremiums war der Versuch, den nach Japan geflohenen früheren Präsidenten Fujimori persönlich zu befragen, eines der enttäuschendsten Erlebnisse. Dabei war er eigens nach Tokio gereist, um Auskunft über etwa 800 zwischen 1990 und 1992 zu Beginn von Fujimoris Regierungszeit "verschwundene" Peruaner zu erhalten und das ehemalige Staatsoberhaupt über zwei von paramilitärischen Kräften im gleichen Zeitraum begangene Massaker zu befragen.

          Fujimori weigerte sich, Lerner zu empfangen. Es sei "naiv", sich an dem "Zirkus" zu beteiligen, den die Kommission mit der Japan-Reise veranstalte, ließ ihm Fujimori ausrichten, der sich selbst als Opfer politischer Verfolgung darzustellen versucht. "Fujimori mag schlau oder gerissen sein", sagte Lerner, "auf jeden Fall ist er feige." Die Kommission hat sich nach der Übergabe des Abschlußberichts satzungsgemäß aufgelöst. Er werde sich nun wieder verstärkt seiner Lehrtätigkeit zuwenden, bestätigt Lerner. Seine Vorlesungen erhielten jetzt einen "realen" Bezug. "Die Wahrheit ist ein Horizont. Was wir versucht haben, war eine Annäherung."

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