https://www.faz.net/-gpf-905ih

Prozess gegen Salafisten : In islamistischer Mission

Verurteilt: Lau am Mittwoch in einem Gerichtssaal des Hochsicherheitstrakts. Bild: dpa

Lange war der Salafistenprediger Sven Lau im Fokus der Ermittlungsbehörden – jetzt wird er verurteilt und sieht sich als Opfer des Staates.

          5 Min.

          Recht schnell kommt der Richter am Mittwochnachmittag zu dem Punkt, der ihm besonders am Herzen zu liegen scheint: Nach den Schlussvorträgen der Verteidigung und den letzten Worten des Angeklagte Sven Lau in der vergangenen Woche müsse der Senat „buchstäblich einiges zurechtrücken“, sagt Frank Schreiber, der Vorsitzende des 5. Strafsenats des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Nach über 50 Verhandlungstagen hat das Gericht sein Urteil gesprochen: Der bekannte Islamistenprediger Sven Lau, schon lange im Fokus der Ermittler, aber bislang nie verurteilt, muss wegen der Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung in vier Fällen für fünf Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Der Senat habe sich eine „hinreichend sichere Überzeugung“ von diesen Unterstützungshandlungen bilden können.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          Was Richter Schreiber zurechtrücken wollte, war der eines „Rachefeldzuges des Staates gegen Sven Lau“, als den dessen Verteidiger Mutlu Günal in der letzten Woche den Prozess bezeichnet habe. Lau selbst hatte unter Tränen von der „staatlichen Zermürbungstaktik“ gesprochen und von der Drangsal, die er in der Untersuchungshaft durch ständige Überwachung erleide. Es ist die Rolle, in der sich Lau seit Jahren schon mit großem Talent inszeniert: Die des muslimischen Dissidenten, der unter dem Titel „Fremd im eigenen Land“ schon in frühen Jahren seine Biographie geschrieben hat, der aber stets schlauer war als der ihn verfolgende Staat. All dies sei „schlichtweg absurd“ und „eher an die Medienöffentlichkeit gerichtet“ gewesen, fasst es Schreiber zusammen. Lau horcht den Worten hinter den dicken Panzerglasscheiben des Düsseldorfer Gerichtssaals mit ausdruckslosem Gesicht.

          Bekannter Kopf der deutschen Islamistenszene

          Sven Lau, der sich selbst „Abu Adam“ nennt, gilt als einer der begabtesten Selbstdarsteller und geschicktesten Provokateure der deutschen Islamistenszene. Während seiner Ausbildung zum Industriemechaniker wandte er sich dem Islam zu, nachdem er zuvor auf eine katholische Grundschule gegangen war. Nach dem Grundwehrdienst wurde er Feuerwehrmann in seiner Heimatstadt Mönchengladbach. Doch 2008 quittierte er den Dienst und widmete sich ganz der islamischen Mission.

          Sein Verein „Einladung zum Paradies“ (EZP) in Mönchengladbach war lange einer der wichtigsten Treffpunkte der Salafisten in Deutschland. Mit seinen Glaubensbrüdern traf er sich regelmäßig, um auf dem Marktplatz des Stadtteils demonstrativ in den auffälligen Phantasiegewändern der Salafisten zu beten. Als 2010 bekannt wurde, dass der Verein den Bau einer „Islamschule“ plante, kam es zu heftigen Bürgerprotesten. Damals wurde Lau erstmals festgenommen, da die Ermittler vermuteten, er habe ein Feuer gelegt, um einen Anschlag auf seinen Verein vorzutäuschen. Der Verdacht ließ sich jedoch nicht erhärten. Die EZP löste sich 2011 auf, nachdem das Innenministerium ein Verbotsverfahren gegen den Verein eingeleitet hatte.

          Sven Lau zwischen Provokation und Strafbarkeit

          Lau ging mit seiner Familie nach Ägypten, um Arabisch zu lernen und den Koran zu studieren. Dreimal reiste er nach Syrien, das gibt er zu. Doch wie die meisten Dschihadisten betont er stets, es sei nur um humanitäre Hilfe im Kampf gegen das mörderische Assadregime gegangen. Ende 2013 war er in Syrien. Im Internet gibt es Videos aus dieser Zeit. Die Ermittler haben Fotos und unzählige Chat-Dateien aus seinem Computer ausgewertet. Ein Bild zeigt Lau mit fünf jungen Männern auf einem Panzer, ein Sturmgewehr über die Schulter gehängt.

          Doch Lau verstand es, weiterhin geschickt auf dem schmalen Grat zwischen Provokation und Strafbarkeit zu balancieren. In einem Gespräch mit der Zeitschrift „Der Spiegel“ antwortete er 2013 auf die Frage, ob er seine Glaubensbrüder verstehe, die in den „Heiligen Krieg“ ziehen, dass er selbst auch das Bedürfnis habe zu helfen, aber für den Kampf nicht ausgebildet sei. „Ich bin kein Kämpfer, ich schicke lieber Geld und Medikamente.“ In einer Videobotschaft, in der er den Tod eines Glaubensbruders verkündet, klingt es allerdings anders: „Es ist an der Zeit, dass wir aufwachen und solchen Geschwistern Folge leisten“, sagt er da. Gutachter bescheinigen Lau wegen seiner „emotionalen Rhetorik“ eine „hohe suggestive Wirkung“ auf junge Leute.

          Weitere Themen

          Union sieht Verantwortung bei Scholz Video-Seite öffnen

          Wirecard-Skandal : Union sieht Verantwortung bei Scholz

          Der Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Wirecard-Untersuchungsausschuss, Matthias Hauer, hat in dem Skandal schwere Vorwürfe gegen Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) erhoben.

          Topmeldungen

          Objekt des Kulturkampfes von Liberalen und Konservativen: Schüler unterschiedlicher Hautfarbe in Großbritannien

          Britische Debatte um Weißsein : Wer ist hier benachteiligt?

          Der Bildungsausschuss des britischen Unterhauses rechnet mit dem Begriff des „white privilege“ ab. Benachteiligt seien weiße Arbeiterkinder in den Schulen. Aktivisten werfen den Konservativen Kulturkampf vor.
          Das Wahlplakat der Grünen

          #Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

          Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.

          Münchens OB zu UEFA-Ablehnung : „Ich finde es beschämend“

          München wollte das Stadion zum EM-Spiel gegen Ungarn als Regenbogen erstrahlen lassen. Das lehnt die UEFA ab. Die Empörung ist groß. Nun sucht der Oberbürgermeister die Konfrontation – auch mit dem DFB.
          Da stehen sie und knien nicht, das gilt allerdings für beide Teams: Die Nationalmannschaften von Italien und Wales vor dem Beginn ihrer EM-Partie.

          Streit um italienische Elf : Das Knie gebeugt

          Verwirrung vor dem EM-Spiel der Azzurri gegen Wales: Die einen knieten, als Zeichen gegen Rassismus, die anderen blieben stehen. In Italien tobt eine Debatte darüber, was die Spieler hätten tun sollen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.