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Christentum in Deutschland : Mündig bleiben

In der Lutherstadt: der Festgottesdienst auf den Elbwiesen bei Wittenberg Bild: Matthias Lüdecke

Was bleibt vom Kirchentag? Er steht für die Stärke der Zivilgesellschaft - aber leidet unter der religiösen Schwäche des Christentums in Deutschland. Seine Anziehungskraft verblasst. Ein Kommentar.

          Die wichtigste Botschaft war dieses Mal das Ereignis selbst. Berlin hat im Lutherjahr einen friedlichen, fröhlichen und vor allem sicheren Kirchentag erlebt. Die Besucher haben sich nicht von der Drohkulisse eines Terroranschlags einschüchtern lassen, auch wenn kurz vor Beginn die islamistische Barbarei von Manchester die nach dem Attentat vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vom Dezember ohnehin vorhandenen Befürchtungen noch einmal aktiviert hat. Es verdient daher Anerkennung, wie gelassen und unverzagt die Teilnehmer mit diesen Befürchtungen umgegangen sind. Man kommt dennoch nicht um die Feststellung herum, dass die neue Strategie des Terrors den Kirchentag verändert. Taschenkontrollen, Eisengitter und Maschinenpistolen stehen in innerem Widerspruch zu einer Veranstaltung, die von freier Bewegung und dem offenen Wort lebt. Das im Zweijahres-Rhythmus gefeierte Großereignis steht mit diesen Prinzipien symbolisch für die Stärke der Zivilgesellschaft in dieser Republik.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Auch in diesem Jahr hat sich der Kirchentag gerade wegen dieser Prinzipien wieder mit dem Vorwurf auseinanderzusetzen, hier mische sich Religion auf unzulässige Weise in die Politik ein. Dieser Einwand ist wenig stichhaltig. Politisch nicht, weil in einem weltanschaulich neutralen Staat sich selbstverständlich auch diejenigen Gruppen, die sich religiös definieren, in Debatten einbringen dürfen. Auch theologisch fehlt dem Vorwurf die Grundlage. Denn der Kirchentag versteht sich als eine Versammlung christlicher Laien und erhebt nicht den Anspruch, verbindlich für die evangelische Kirche oder auch nur die Gesamtheit ihrer Mitglieder zu sprechen.

          Das unterscheidet ihn von mancher parteipolitisch ausdeutbaren Verlautbarung aus den Kirchenleitungen. Diese verwechseln des Öfteren die Aufgabe der Kirche, die das Gewissen schärfen soll, mit der Aufgabe der Christen, die in eigener Verantwortung Gewissensentscheidungen zu treffen haben. So zumindest hatte Luther die Freiheit eines Christenmenschen verstanden ohne zu leugnen, dass diese Freiheit auch eine politische Komponente enthält. Denn christlicher Glaube zielt auf die humane Ausgestaltung der Welt.

          Mehr Kontroversen, frische Köpfe und neue Formen täten hier Not

          Kaum zu bestreiten ist, dass die Kirchentagsforen in Berlin, auf denen darüber nachgedacht wurde, eine gewisse politische Schlagseite hatten und, etwa in der Migrationsfrage, manches Gegenargument nur unzureichend berücksichtigt wurde. Allerdings gewinnen die Diskussionen von Kirchentag zu Kirchentag an Ausgewogenheit dazu. Und die Kirchentagsbesucher sind in aller Regel auch mündig genug, sich das eigene Urteil nicht vom Podium aus vorschreiben zu lassen.

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          Insofern lenkt die Debatte über Politisierung von dringenderen Herausforderungen ab. Denn weiter vorangeschritten ist auf dem Berliner Kirchentag die Inventarisierung liebgewonnener Themen und Personen. Mehr Kontroversen, frische Köpfe und neue Formen täten hier Not. Noch schwerer wiegt die nachlassende Mobilisierungskraft des Kirchentags, die in den vergangenen Tagen deutlich zu Tage trat. Trotz des Lutherjahres, trotz der Attraktivität der Hauptstadt und trotz Obama kamen statt der erwarteten 140. 000 Teilnehmer nur 106.000. Bei den sogenannten „Kirchentagen auf dem Weg“ in Mitteldeutschland kamen allenfalls die Hälfe der erwarteten Besucher. Und der gemeinsame Plan von Kirche und Kirchentag, die Teilnehmer aller Kirchentage zum Abschluss in Wittenberg zu einem großen Festgottesdienst inklusive Reformations-Picknick zusammenzuführen, ging am Sonntag ebenfalls nicht ganz auf. Weit weniger Besucher als erhofft wollten sich auf das logistisch anspruchsvolle Experiment in der Lutherstadt einlassen. Das millionenteure Hochglanz-Event mit blütenweißer Riesenbühne zeugte auch eher von der Sucht der Kirchenoberen nach öffentlicher Sichtbarkeit als von der evangelischen Auffassung von der Kirche, die sich von unten nach oben aufbaut.

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          Die schlechten Zahlen des Kirchentags im Lutherjahr 2017 führen das grundsätzliche Problem vor Augen, von dem Kirchentag und Kirche gleichermaßen betroffen sind. Es gelingt beiden Organisationen zwar immer noch sehr ordentlich, religiöse Überzeugungen in gesellschaftliches Engagement umzumünzen. Das Heer der Ehrenamtlichen, die bis heute zur Bewältigung der Flüchtlingskrise beiträgt, speist sich bis heute maßgeblich aus den Reihen der Kirchen. Weder Kirche noch Kirchentag gelingt es jedoch, in die umgekehrte Richtung zu aktivieren. Auch diejenigen Menschen, die vom gesellschaftlichen Engagement der Kirchen beeindruckt sind oder selbst daran mitwirken, schlagen dort nur selten geistliche Wurzeln. Kirche und Theologie wirken sprachlos, wenn sie den Zusammenhang zwischen christlichem Engagement und christlicher Überzeugung darlegen sollen. An diesem Punkt wirkt sich die Selbstsäkularisierung der vergangenen Jahrzehnte schlimmer für die Kirche aus alle politischen Einmischungen durch Bischöfe.

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