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Abschuss in Syrien : Moskaus Maskierung

Verlustreiche Allianz: Nach offizieller Zählung starben bereits 13 russische Soldaten in Syrien. Bild: AFP

Mit dem jüngsten Abschuss eines Militärhubschraubers durch den IS steigen die russischen Verluste in Syrien. Nur zögerlich veröffentlicht Moskau Details zu dem Vorfall. Abermals offenbart sich der Widerwillen gegenüber schlechten Neuigkeiten von der Front.

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          Am Freitag wurden in Syrien nahe Palmyra zwei russische Militärs getötet. Sie saßen, so viel scheint klar, in einem Kampfhubschrauber, der abgeschossen wurde. Nach offizieller Zählung sind Rjafagatj Chabibullin und Jewgenij Dolgin Russlands zwölftes und dreizehntes Opfer seit Beginn des Kriegseinsatzes in Syrien Ende September 2015. Die übrigen Angaben zu Abschusshergang, Typ und Eigentümer des Hubschraubers sind stetem Wandel unterworfen. Der Vorfall wirft ein neuerliches Schlaglicht auf Moskaus Umgang mit schlechten Nachrichten.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Vor vier Monaten hatte Präsident Wladimir Putin jäh bekanntgegeben, dass in Syrien wesentliche Ziele erreicht seien und man „wesentliche Teile“ der Truppen abziehe. Offen blieb, wer und was abgezogen werden sollte; zumal Putin sagte, der Luftwaffenstützpunkt Hmeimim nahe Latakia werde wie bisher „funktionieren“. Der Kampfeinsatz ging weiter. Keine zwei Wochen danach wurde die „Befreiung“ Palmyras vom „Islamischen Staat“ (IS) gefeiert. Im Rückblick erwies sich die Teilabzugsankündigung als neuerliche Finte, um die Widersacher im Westen, in Moskau als „Partner“ bezeichnet, zu verwirren. Dieser Tage lobte Sergej Karaganow vom Rat für Außen- und Verteidigungspolitik den Überraschungsauftritt: „Das war ein Meisterstück, das war klasse“, sagte er der Zeitschrift „Spiegel“. Europas „politisches System“ könne sich „nicht den Herausforderungen der neuen Welt anpassen“. Anders Russland: „Wir nutzen unsere Überlegenheit auf diesem Gebiet. Die Russen sind schwache Händler, sie befassen sich nicht gern mit Ökonomie. Dafür sind sie hervorragende Kämpfer.“

          Es gibt freilich Momente, in denen Moskaus Maskierungsüberlegenheit an ihre Grenzen stößt. Seit Beginn des Einsatzes in Syrien werfen die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Amnesty International Russland und seinem Verbündeten Baschar al Assad vor, Streubomben einzusetzen. Streumunition kann auch lange nach dem Angriff töten, weil viele der kleineren Sprengkörper nicht sofort, sondern erst bei Berührung explodieren. Vor bald sechs Jahren trat ein völkerrechtliches Übereinkommen in Kraft, dass Herstellung, Weitergabe und Einsatz solcher Munition verbietet. Syrien und Russland sind nicht beigetreten (wie auch China und die Vereinigten Staaten nicht, die zusammen mit Russland die größten Produzenten sind), doch hat das Verteidigungsministerium in Moskau bislang bestritten, derartige Munition einzusetzen. Sie widerspricht dem Propagandabild eines präzisen Militäreinsatzes. Ausgerechnet der staatliche Fernsehsender RT, der sich um ein treffliches Bild Russlands im Ausland bemüht, zeigte am 18. Juni in einem Bericht über den Besuch von Verteidigungsminister Sergej Schojgu in Hmeimim Bilder eines russischen Kampfflugzeugs samt Bomben mit der Aufschrift „RBK-500 ZAB 2.5SM“: einer Typenbezeichnung für eine Brand-Streubombe. Später ersetzte der Sender die Bilder durch Aufnahmen des Ministers vor Ort, aber im Internet gab es weiterhin die Originalaufnahmen. Das Verteidigungsministerium, das westlichen Sendern erfahrungsgemäß eine „Informationsattacke“ vorgehalten hätte, enthielt sich im Fall RT eines Kommentars.

          Reaktion auf schlechte Nachrichten

          Der Abschuss des Kampfhubschraubers lieferte nun ein weiteres Beispiel für Moskaus Reaktion auf schlechte Nachrichten: Es wird vertuscht oder, soweit das unmöglich ist, anders erzählt. Zunächst wurde am Freitag ein Al-Dschazira-Bericht zurückgewiesen: Alle russischen Kampfhubschrauber in Syrien seien nach Erfüllung ihrer planmäßigen Aufgaben auf die Stützpunkte zurückgekehrt, teilte das Militär mit. Kurz darauf war vom Abschuss eines Mi-24-Kampfhubschraubers der syrischen Streitkräfte nahe Palmyra die Rede – ohne russische Piloten. Danach von einem syrischen Mi-25 mit den beiden „Militärpiloten-Ausbildern“ Chabibullin und Dolgin an Bord. Diese hätten „auf Bitten“ der syrischen Einsatzleitung einen Angriff des IS abgewehrt und seien auf dem Rückflug abgeschossen worden.

          Eine anonyme Quelle im Militär lieferte kurz darauf die Erklärung, die Terroristen hätten eine amerikanische Panzerabwehrlenkwaffe verwendet. Ein Video, das der IS veröffentlichte, zeigt freilich, dass der Kampfhubschrauber, unmittelbar bevor etwas am Heck detoniert und er zu Boden stürzt, Ziele in geringer Höhe beschoss – also nicht „auf dem Rückweg“ vom Gefecht war. Außerdem war ein zweiter Hubschrauber dabei. Zudem erkannten Beobachter den Hubschrauber als Mi-35M, Russlands laut Werbung „umfassend modernisierten“ Angriffskampfhubschrauber mit ausgeklügeltem Selbstverteidigungssystem, das in diesem Fall machtlos gegen eine schlichte Abwehrwaffe gewesen sei. Auch die Zeitung „Kommersant“ berichtete am Montag, mindestens zwei Mi-35M der russischen Luftwaffe hätten in der Provinz Homs einen Patrouillenflug absolviert, dann habe Chabibullin, einer der erfahrensten Kampfhubschrauberpiloten Russlands, entschieden, syrischen Regimetruppen zu Hilfe zu kommen, die nahe Palmyra unter Beschuss geraten seien. Die „Operation Rache“, hieß es weiter, sei schon in Vorbereitung.

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