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Russlands Präsident : Das System Putin

Macht, Modebewusstsein, Machismo: Putin im März während der Olympischen Winterspiele in Sotschi Bild: AP

Nur eine Handvoll von Vertrauten hat Zugang zum Präsidenten. Wer dem Westen zu nah steht, gilt als suspekt. Die Herrschaft von Wladimir Putin basiert auf Loyalität, und wer loyal ist, wird nicht fallengelassen.

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          Wladimir Putin gibt wenig von sich preis. Fand er in friedlicheren Zeiten Amphoren am Meeresgrund oder angelte einen Hecht, waren es stets sorgfältige Inszenierungen, die Privatheit versprachen, wo PR war. Anfang Juni vorigen Jahres aber waren die Gerüchte um die Trennung von seiner Frau so weit gediehen, dass sich der russische Präsident gezwungen sah, im Staatsnachrichtensender Rossija 24 Stellung zu beziehen. Nach einer Aufführung des Balletts „Esmeralda“ im Kreml traten beide vor eine Kamera. Putin wirkte verdruckst, der Auftritt war ihm sichtlich unangenehm. Seiner Frau liege die „absolute Öffentlichkeit“, die mit seiner Arbeit einhergehe, überhaupt nicht, sagte Putin. „Ich schließe mich den Worten von Wladimir Wladimirowitsch an“, sagte Ljudmila Putina und fügte hinzu, die Kinder – zwei Töchter – seien schon erwachsen. Putin sagte: „Wir sind sehr stolz auf sie.“ Dann: „Sie sind übrigens in Russland ausgebildet worden und leben dauerhaft in Russland.“ So verknüpfte der Präsident das Private mit dem Politischen, mit der Botschaft: Wer sein Land liebt, bleibt hier. Bei Putin.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Botschaft hat eine antiwestliche Seite. Der außergewöhnliche Auftritt fiel in die Zeit der Kampagne zur „Nationalisierung der Eliten“: Vermögen der Staatsdiener sollen durch Gesetze zurück nach Russland geholt werden, wo sie Putin über die Präsidialverwaltung kontrollieren kann. Dies gilt auch als eine Lehre aus der „orangenen Revolution“ des Herbstes 2004 in der Ukraine. Sie soll für Putin ein traumatisches Erlebnis gewesen sein, einer der Ausgangspunkte für seine Überzeugung, der Westen habe sich gegen ihn verschworen.

          Glaube an die Verdorbenheit des Westens

          Diese Vorstellung trat in seiner Rede zum Anschluss der Krim am Dienstag im Kreml besonders stark hervor. Da sagte Putin, die westlichen Länder hätten 2004 auf gesetzeswidrige Weise dem von ihnen „benötigten Kandidaten“ – den Namen Viktor Juschtschenko erwähnte er nicht – zum Erfolg verholfen. Zudem soll Putin überzeugt sein, die Revolution von 2004 in der Ukraine sei nur möglich gewesen, weil Teile der Elite in der Furcht, westliche Länder würden ihre Bankkonten einfrieren, die Seiten gewechselt hätten. Das ist wohl der Hintergrund für die russische Repatriierungsinitiative.

          Putin, der Outdoor-Allrounder: 2009 schwamm der damalige Ministerpräsident wie der Blitz durch einen See in Sibirien. Bilderstrecke

          Aus dem Jahr 2004, als viele im Westen in Putin noch einen Hoffnungsträger sahen, stammt auch eine weitere Bemerkung des Präsidenten: Die islamistischen Terroristen, die im September jenes Jahres in Beslan eine Schule besetzt hatten, seien von „gewissen Kräften“ unterstützt worden, die nicht damit einverstanden seien, dass Russland ein Atomwaffenarsenal habe. Viele meinten schon damals, mit diesen „Kräften“ könnten nur westliche Mächte gemeint sein. Bei der Erstürmung der Schule durch russische Spezialkräfte kamen nach offiziellen Angaben 331 Geiseln ums Leben, die meisten von ihnen Kinder. Der Glaube an die Verdorbenheit des Westens ging offenbar schon damals einher mit freihändigen Schuldzuweisungen.

          Putin galt einmal als Hoffnungsträger

          Es gab im Westen die Hoffnung, Putin für Projekte von gemeinsamem Interesse gewinnen zu können – im Zuge des Afghanistaneinsatzes, mit Blick auf Iran und Nordkorea. Hingegen scheint sich bei Putin seit damals die Überzeugung immer weiter verfestigt zu haben, der Westen, insbesondere die Vereinigten Staaten, wollten das globale Machtsystem zum Schaden Russlands aus den Angeln heben. Gleichzeitig sollen ihm die Kriege im Irak und in Afghanistan gezeigt haben, dass die Amerikaner keine Kriege mehr gewinnen könnten; von dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama soll Putin ohnehin keine hohe Meinung haben.

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