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Russland und die Türkei : Eine komplizierte Beziehung

Der türkische Präsident Erdogan und sein „lieber Freund Wladimir“ im August in St. Petersburg. Bild: AP

Moskau steckt mit seinem Syrien-Einsatz in der Klemme, denn sein neuer Verbündeter Erdogan greift seinen alten Verbündeten Assad an. Für die Kämpfe in Syrien setzt der Kreml auf Söldner.

          Die türkische Militäroperation in Syrien zwingt Russland zu einem Balanceakt. Das syrische Außenministerium verurteilte den Einmarsch am Mittwoch als „krasse Verletzung der syrischen Souveränität“. Üblicherweise wird auch Moskau nicht müde, Respekt für die „Souveränität“ des Verbündeten einzufordern. Stattdessen teilte das Außenministerium am Mittwochabend knapp mit, man sei „über das Geschehen im syrisch-türkischen Grenzgebiet tief beunruhigt“ und befürchte „eine mögliche Verschlechterung der Lage im Konfliktbereich“.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Milde ist dem russisch-türkischen Versöhnungsprozess geschuldet, der Ende Juni in Gang kam. Die Präsidenten beider Länder, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan, trafen einander am 9. August in Sankt Petersburg, erstmals seit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die türkische Luftwaffe im November 2015. Danach war zeitweise eine direkte militärische Eskalation zwischen beiden Staaten möglich erschienen. Nun begrüßte Erdogan einen „lieben Freund Wladimir“. Doch konkrete Aussöhnungserträge lassen auf sich warten. Russlands Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei, die vor allem Landwirtschaft und Tourismus treffen, sollen laut Putin schrittweise abgebaut werden. Unklar ist auch, was aus der Moskauer Forderung nach Entschädigung für den Abschuss wird. Einem neuerlichen Paarlauf Putins mit Erdogan, der Moskau als Trumpf gegenüber dem Westen gelegen käme, stehen zudem die Kurden im Weg.

          Während des von wüster Rhetorik begleiteten Streits hat Moskau Beziehungen zu den syrischen Kurden ausgeweitet und pocht auf deren Teilnahme an den Genfer Syrien-Gesprächen. Erdogans Widersacher durften sogar eine Vertretung in Moskau eröffnen. Denkbar erscheinen nun russische Vermittlungen zwischen Erdogan und dem Damaszener Gewaltherrscher Baschar al Assad, mit dem Ausgangspunkt, dass beide ein syrisches Kurdistan ablehnen. Zwar brüskiert Moskau den Westen dieser Tage in Aleppo, wo man den von Assad-Gegnern gehaltenen Ostteil der Stadt bombardiert, nach Belieben. Doch mit Blick auf den Syrien-Krieg insgesamt ist es schon der zweite Dämpfer binnen weniger Tage: Erst untersagte Iran der russischen Luftwaffe die Nutzung einer Basis im Land, weil der Moskauer Großmachtsjubel über den neuen Coup allzu protzig geraten war. Nun zeigte sich der umworbene Erdogan neuerlich an der Seite der amerikanischen Rivalen, die zudem seine Militäroperation direkt unterstützen. Es ist, auch aus Moskauer Sicht, kompliziert.

          Geld gibt es für Schweigen

          Dafür macht es sich der Kreml mit Blick auf den eigenen Militäreinsatz in Syrien einfach. Nicht nur mit Blick auf die zerstörerischen, international geächteten Streubomben, die Russlands Kampfflugzeuge laut Menschenrechtsorganisationen auf ihre Ziele werfen. Ein wesentlicher Teil des Einsatzes wird laut einem Bericht der russischen Zeitung „RBK“ vom Donnerstag von Söldnern gestemmt. Im vorigen Jahr seien insgesamt fast 2500 Mitarbeiter des privaten Militärunternehmens „Wagner-Gruppe“ nahe Latakia und Aleppo eingesetzt worden; in diesem Jahr würden in Syrien je nach Lage zwischen 1000 und 1600 Mann eingesetzt. Die Geheimdienste GRU und FSB leiteten den Einsatz, für dessen Kosten kämen der russische Staat und um „Loyalität“ bemühte „ranghohe Geschäftsleute“ auf.

          Die „Wagner-Gruppe“ wird so genannt nach dem Spitznamen ihres Leiters, Dmitrij Utkin, der angeblich zum Militärgeheimdienst GRU zählt. Seine Kämpfer sollen auch an Russlands Landnahme auf der Krim und am Krieg in der Ostukraine beteiligt gewesen sein. Laut russischen Medienberichten werden die Söldner seit Mitte 2015 auf einem Truppenübungsplatz des Verteidigungsministeriums in Molkino nahe dem südwestrussischen Krasnodar trainiert. Sie trügen den Hauptanteil der russischen Verluste in Syrien, hieß es; „mindestens 100“ ihrer Männer seien gefallen, so ein früherer Mitarbeiter laut „RBK“. Die Familien gefallener Söldner werden demnach (wie die Hinterbliebenen von Soldaten) unter der Bedingung entschädigt, dass sie schweigen. Wenn überhaupt. Zudem würden die Söldner in „schwierigen Regionen“ eingesetzt, so bei den Kämpfen um die im vergangenen März vom „Islamischen Staat“ zurückeroberte Wüstenstadt Palmyra, um Verluste der syrischen Streitkräfte geringer zu halten.

          „Anfangs arbeiten die Jungs von ‚Wagner‘, dann kommen russische Bodentruppen, dann die Araber und die Kameras“, schilderte ein Offizier der Gruppe den Weg vom Krieg auf die Fernsehbildschirme.

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