https://www.faz.net/-gpf-74va3

Russland : Aufstand der Schneeschieber

  • -Aktualisiert am

Bei den Schneemassen, die jedes Jahr auf Moskau fallen, hier im November 2008, ist die Stadt darauf angewiesen, dass jemand die weisse Pracht zusammenschiebt. Bild: AFP

Gastarbeiter aus Zentralasien sind in Russland hilflos der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgesetzt. Eine Gruppe Tadschiken ergriff ihre Chance und streikte im Schneechaos.

          2 Min.

          Der heilige Petrus, der im christlich-orthodoxen Russland das Wetter macht, half dieser Tage mit kräftigen Schneefällen einer Gruppe muslimischer Tadschiken in Moskau. Zentralasiaten aus Tadschikistan arbeiten als legale oder illegale Gastarbeiter nicht nur auf den vielen Baustellen der russischen Hauptstadt. Sie werden auch als Straßenfeger eingesetzt, die im Winter den Schnee von den Bürgersteigen räumen oder von den Dächern schieben und zu meterhohen Haufen so zusammenschaufeln, dass Passanten und Bewohner aus ihren Häusern kommen können.

          Vor einigen Tagen schneite es wieder einmal heftig auf Moskau. In der Stadt und auch auf den Autobahnen der Region kam es zu einem riesigen Verkehrschaos mit Hunderten Kilometern Stau, weil die Räumfahrzeuge und Autos, die mit viel Chemie aus dem Tank auch hart gewordenen Schnee und Eis zum Tauen bringen, von den Behörden viel zu spät eingesetzt worden waren. Aber im Osten Moskaus waren nicht nur die Ämter schuld, die jeden Winter aufs Neue von Eis und Schnee überrascht werden, obwohl sie doch eigentlich wissen sollten, dass es in Moskau im Winter schneit. Diesmal weigerten sich die tadschikischen Schneeräumer, die weißen Haufen aus dem Weg zu räumen, und blieben in ihren Unterkünften. Seit etwa einem halben Jahr waren viele der Gastarbeiter nicht mehr bezahlt worden. Das letzte Mal hätten die Straßenkehrer im Moskauer Osten Ende Juni Geld bekommen, sagt der Vorsitzende des Verbandes der tadschikischen Arbeitsmigranten, Karomat Schapirow. Damals habe es auch nur 3000 Rubel gegeben (umgerechnet 75 Euro), was lediglich einem Viertel des vereinbarten Monatslohns entsprochen habe. Die Männer hätten dennoch von morgens um sieben bis abends um zehn gearbeitet, oft nur einen Kanten Brot zu Mittag gegessen und müssten unter Bedingungen hausen, vor denen es selbst einen Hund grauen würde.

          Wasser auf die Mühlen der Nationalisten

          Das lähmende Schneechaos, über das alle Hauptstädter stöhnen, war die ideale Gelegenheit für die sonst hilflosen Arbeiter, auf ihr Problem aufmerksam zu machen. Die Öffentlichkeit reagierte mit Wut auf die Tadschiken, aber auch auf die Behörden. Wieder einmal zeigte sich, dass windige Firmen bei den Ausschreibungen der Stadt zum Zuge kommen, die ihrerseits dann noch windigere Subunternehmer beauftragen, welche die Arbeiter aus Zentralasien wie Sklaven behandeln und sie oft genug auch noch um ihren kärglichen Lohn betrügen. Häufig werden Gastarbeiter auch von Polizei und Bürokratie drangsaliert und zu Zahlungen genötigt.

          Die bekannte Journalistin Julija Latynina hatte vor einigen Monaten vor einem Aufstand der rechtlosen Arbeitssklaven aus Tadschikistan gewarnt. Sie schlug jedoch, da es zwecklos sei, auf Besserung der Behörden zu hoffen, ein radikales Mittel – die Deportierung der Arbeiter – vor und leitete damit Wasser auf die Mühlen der russischen Ethno-Nationalisten. Der stellvertretende Ministerpräsident Dmitrij Rogosin hatte schon vor einigen Jahren verlangt, Moskau von Gastarbeitern zu säubern. Die Nationalisten würden am liebsten nicht nur die Hauptstadt, sondern ganz Russland von Zentralasiaten befreien. Von einem drohenden Aufstand der Tadschiken kann indessen keine Rede sein. Denn die Menschen aus Zentralasien – in Moskau und im Umland arbeiten allein 400.000 Tadschiken – sind wie deren bettelarme Heimatstaaten dringend auf das in Russland verdiente und überwiesene Geld der Gastarbeiter angewiesen. Die Forderung der Nationalisten nach Säuberungen, aber auch wachsender Unwille über „die kulturell Fremden“ aus dem einstigen Imperium stellen Präsident Wladimir Putin vor ein zusätzliches Problem bei dem Versuch, Eurasien unter russischer Vorherrschaft wieder zu integrieren. Den Zentralasiaten hatte er grenzenlose Freizügigkeit versprochen, wie es sie nicht einmal in der Sowjetunion gegeben habe.

          Weitere Themen

          Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt Video-Seite öffnen

          Heimatort der Großeltern : Keine Trump-Euphorie mehr in Kallstadt

          Anfangs sahen die Einwohner von Kallstadt in Rheinland-Pfalz die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten mit großem Interesse, denn Trumps Vorfahren stammen aus dem Winzerdorf. Inzwischen scheint das Interesse allerdings erlahmt zu sein. Ein Stimmungsbild kurz vor der Präsidentenwahl Anfang November, bei der sich Trump zur Wiederwahl stellt.

          Topmeldungen

          Wie gut ist Methodenvielfalt wirklich? Szene aus einer Berliner Schule

          Berliner Schulen : Was im Unterricht wirkt

          Der stiere Blick auf die Schülerorientierung hat in Berlin zu einem Methoden-Fetischismus geführt. Nicht die Art des Unterrichts sollte zählen, sondern die Qualität. Ein Gastbeitrag.
          Das Logo der Investmentgesellschaft Blackstone in New York

          Amerikanischer Investmentriese : Blackstone: Jeder dritte Vorstand soll divers sein

          Die amerikanische Investmentgesellschaft Blackstone will Diversität stärker fördern und ein Karriereprogramm für weniger privilegierte Menschen schaffen – die Motive dafür sind auch geschäftlicher Natur.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.