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Russische Propaganda : Putinome - wenn aus Sprache eine Waffe wird

Präsident Putin vergleicht am Freitag auf einem Jugendforum die ukrainische Armee mit der Wehrmacht Bild: picture alliance / dpa

Wladimir Putin und der Kreml haben eine besondere Kunst darin entwickelt, die Worthülsen des Westens mit neuem Inhalt zu füllen. Dabei kommt der größte Unsinn heraus, den man sich vorstellen kann.

          Autoritäre Systeme bedienen sich gerne des politischen Guerrilla-Marketings. Besondere Begabung haben darin Präsident Putin und der Kreml seit je in der russischen Innenpolitik entwickelt. Die Begrifflichkeit westlicher Demokratien nutzen sie für ihre Zwecke. Die russische Demokratie soll eine „ordentliche“ Demokratie sein, eine „gelenkte Demokratie“. Was aber ist eine gelenkte Demokratie anderes als die Fortsetzung der Diktatur mit anderen Mitteln?

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Mitunter scheint in solchen Verdrehungen das Denken in alten Gegensätzen auf, etwa von Materialismus (Westen) und Spiritualismus (Osten), wenn Putin seine Politik als die Wahl zwischen „Wurst“ (Westen) oder „Leben“ (Osten) hinstellt („wir entscheiden uns für das Leben“). Besonders geschickt ist diese Methode dann, wenn Begriffe westlicher parlamentarischer Systeme mit neuem Inhalt gefüllt werden, ohne dass das Publikum im Westen prüfen könnte, welche Wirklichkeit damit abgebildet wird.

          Das schärfste aller Putinome: die „Wehrmacht“

          Jetzt überträgt die russische Führung diese Kunst auf die Propaganda ihrer Außenpolitik und die der Separatisten in der Ukraine. Hier eine Übersetzung neuer Putinome: „Humanitärer Korridor“ bedeutet Kapitulation; „humanitäre Hilfe“ meint militärischer Nachschub; eine „friedliche Lösung“ ist in Wirklichkeit die Annexion; bei „Kiews Aggression“ handelt es sich um Landesverteidigung; die Soldaten, die ihren „Urlaub“ in der Ukraine verbringen, sind ein Invasionsheer; Putins „Neurussland“ ist das alte (Sowjet-)Russland; die „Volkswehr“ sind Insurgenten, „Milizen“ mitunter Artillerieeinheiten, und hat sich jemand in die Ukraine „verirrt“, ist er in Wahrheit einmarschiert.

          Das schärfste aller Putinome aber ist die „Wehrmacht“. Sie bezeichnet eine Armee, die Russlands „humanitäre Hilfe“ bei der „Befreiung“ von „Neurussland“ bekämpft. Jeder, der das anders sieht, ist ein Freund der „Faschisten“. Selten ist in den 75 Jahren seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs aus dem Munde eines Staatsführers solch ein Unsinn geredet worden. Sieht man einmal ab von den tatsächlichen Faschisten.

          Aber auch im Westen gibt es in solchen Situationen eine Sprache, die nicht die Wirklichkeit abbildet, sondern nur die Illusion derselben. Wenn Russland als „Demokratie“ bezeichnet wird, ist das sehr beruhigend. Wenn Russland in der Ukraine nur „militärisch präsent“ oder „eingefallen“ ist, klingt das besser, als wenn von Invasion oder gar Okkupation gesprochen werden müsste. Wenn der Ukraine empfohlen wird, das Land zu „dezentralisieren“, klingt das föderal und nach einem Ausweg aus der Teilung des Landes, obwohl gerade das am Ende damit gemeint sein könnte. Für Putin aber am wichtigsten: Die Angewohnheit, die Wirklichkeit nicht beim Namen zu nennen, will auch die russische Propaganda nicht wahrhaben.

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