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Russische Parade auf der Krim : Einzug des Imperators

Präsident Putin wird in Sewastopol gefeiert Bild: dpa

Der Siegestag auf der Krim ist ein Fest für die ganze Familie. Putin erscheint auf einem weißen Schiff. Auch die örtlichen „Selbstverteidigungskräfte“ treten an. Der Jubel ist groß.

          3 Min.

          Der Tag, an dem Russlands Präsident Wladimir Putin als Sieger in Sewastopol einzieht, ist passenderweise der „Tag des Sieges“: der 9. Mai. Es sind die ersten Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag nach der Annexion der Krim durch Russland, es ist der 69. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, und es ist überdies der 70. Jahrestag der Befreiung der Stadt von den deutschen Besatzern. „70 Jahre ohne Krieg“, steht auf einem Plakat an der Lenin-Straße, etwa dort, wo die Parade am Morgen beginnt.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das stimmt zwar nicht ganz, worauf nur wenige Meter weiter ein großes Betonkreuz hinweist, das an mehrere junge Männer erinnert, die ihr Leben in Afghanistan ließen. Aber genau nimmt man es dieser Tage nur mit denjenigen, die die Rolle der Sowjetunion im Krieg bezweifeln: Sie können laut einem neuen Gesetz, das Putin just unterzeichnet hat, wegen „Rehabilitierung des Nazismus“ drei Jahre in Haft genommen werden. Wenn sie sich eines Massenmediums bedienen, sogar bis zu fünf.

          Aber heute wird gefeiert. Die Veteranen haben ihren Orden herausgeholt, golden schimmern ihre Uniformen. Kinder klettern auf Panzer, die mit Sowjetfahnen dekoriert sind. Ein Junge fragt: „Wo kann man hier aus Maschinengewehren schießen?“ Der Siegestag ist ein Fest für die ganze Familie. Besonders als Fotomotiv begehrt ist eine Blondine in einem Kostüm der Roten Armee, die auf einem Geländewagen mit aufgepflanztem Gewehr steht. Aus den Lautsprechern erklingen Lieder, die von Vaterland, Liebe, Tränen und Freude handeln. Die Leute tragen Luftballons, auf denen steht: „Am 9. Mai siegten wir!“ An einigen hängt zusätzlich das Sankt-Georgs-Band, das hier fast jeder trägt, um zusätzlich persönlich an den Triumph über den Faschismus zu erinnern: Ist der Rock auch noch so kurz, das schwarz-orange Band muss sein.

          An einem Platz, bis zu dem der Truppenzug gehen soll, ist zwar das McDonald’s geschlossen - wie überhaupt seit der Annexion alle Filialen der Kette auf der Krim -, dafür ist ein Geschäft geöffnet, dass deutsche Schuhe anbietet. Ein Wagen wird abgeschleppt, trotz einer Russland-Fahne hinter der Windschutzscheibe. Ein Zuschauer sagt, das diene dazu, „Provokationen zu verhindern“. Vor solchen war gewarnt worden. Sie blieben aus. An einer Straße lässt sich ein junger Mann mit einem Smartphone filmen und sagt beglückt, die Siegesparade in Sewastopol finde „erstmals seit 23 Jahren wieder auf russischem Territorium“ statt, woraus die verbreitete Sicht auf die Sowjetunion als eines erweiterten Russlands spricht.

          Ein Kosake mit Peitsche treibt die Leute an den Straßenrand. Als die ersten Soldaten durch die Straßen ziehen, junge Männer von der Schwarzmeerflotte, schreien die Leute „Hurra“, wie überhaupt immer wieder. Einige Soldaten blicken stoisch in den da noch regenwolkenverhangenen Himmel, andere lächeln, wofür sie junge Zuschauerinnen besonders bejubeln. Eine Frau ruft begeistert, endlich sei man hier „zurück in die Heimat“ gekommen. Ihr Vater sei im Militär gewesen, ihr Großvater auch, und endlich, nach 23 Jahren, sei die „Besatzung“ durch die Ukraine (deren Marine noch am 9. Mai vergangenen Jahres mit von der Partie war) zu Ende. Dort herrschten ja nun leider die Faschisten. „Aber wir sind jetzt zu Hause!“

          Jubelnde Anhänger am Rande der Parade

          Auch nach der Truppenparade wird weiter marschiert. Die örtlichen „Selbstverteidigungskräfte“ sind angetreten, in zusammengeschusterten Uniformen, aber mit Fahnen; sie werden ebenfalls bejubelt, genau wie die Rocker auf ihren Motorrädern, die sich während der „Revolution“ ebenfalls für die Vereinigung mit Russland engagierten. Dass Putin, der am Morgen die Parade auf dem Roten Platz abgenommen hatte, kommen würde, war zuvor auf verschiedenen Wegen gestreut worden. Viele in Sewastopol glauben es bis zum Schluss nicht. Dann aber wird ein Platz oberhalb des Hafens abgesperrt. Soldaten kommen, immer mehr Sicherheitsleute. Putin aber kommt nicht in einer der gepanzerten deutschen Limousinen, sondern auf einem weißen Schiff.

          Die Fassade glänzt: Ein Kriegsveteran nimmt an der Siegesparade teil.

          Von dort sieht er sich die Schau der Kampfflieger, die über die Bucht donnern, und der Kriegsschiffe an. Putin geht an Land, die Kapelle spielt, dann herrscht Ruhe: Der Präsident spricht. Er beglückwünscht alle zum Sieg über die „deutschen faschistischen Eroberer“. Sewastopol habe der ganzen Welt gezeigt, wie man für „seine Erde“ kämpfe. Er sagt, es gebe viele Aufgaben, die man aber meistern werde, „weil wir zusammen sind“. Er spricht keine fünf Minuten. Jubel und Russland-Rufe, als der Präsident dann auf den abgesperrten Platz tritt und einige Hände schüttelt. Ein lokales Fernsehteam interviewt Zuschauer. Ein Mann, den Kopf schon vom Alkohol und der mittlerweile erschienenen Sonne gerötet, sagt schleppend in die Kamera: „Für Putin gebe ich mein Leben.“

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