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Französische Kriegsschiffe für Putin : Die Liebe der russischen Matrosen

Russische Soldaten lernen das modernste Kriegsschiff „Wladiwostok“ in Saint-Nazaire kennen. Bild: dpa

Die Russen haben im Hafen von Saint-Nazaire angelegt. Die Mission von 400 Marinesoldaten: Mitten in der Ukraine-Krise das von Frankreich gekaufte modernste Kriegsschiff der Welt kennen und bedienen lernen.

          „Und jetzt die Russen!“: Immer wieder schaut der alte Mann mit dem wettergegerbten Gesicht durch sein Fernglas und nimmt die russischen Soldaten in dunkelblauer Matrosenuniform an Bord der „Smolny“ ins Visier. Sie schleppen Kartons und Kartoffelsäcke, Proviant für die nächsten Wochen, die sie im abgezäunten Hafengebiet von Saint-Nazaire verbringen werden. Der alte Schaulustige hinter dem Eisengitter am Kai spricht von den Deutschen, die während des Zweiten Weltkriegs die U-Boot-Basis errichtet hatten, von den Briten, die Saint-Nazaire als „Flak City“ bombardierten, von den Amerikanern, die später als Befreier den Hafen ausbauten und schüttelt wieder mit dem Kopf: „Und jetzt die Russen!“. Neben ihm stehen zwei jüngere Frauen, die an den schlecht geschnittenen Uniformen der Soldaten mäkeln. Ein Kameramann vom Regionalfernsender France 3 filmt. „Die Russen“ sind eine Kuriosität in der Hafenstadt an der Loiremündung.

          Die Russen haben nur eine Mission

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Vom russischen Marinestützpunkt Kronstadt bei Sankt-Petersburg ist die „Smolny“ mit 400 Mann an Bord in den französischen Atlantikhafen gekommen, für mindestens vier Monate. Landgang ist in Ausnahmefällen vorgesehen. Die Besatzung schläft an Bord und wird dort auch verköstigt. Die Soldaten haben nur eine Mission: Sie sollen das künftig modernste Kriegsschiff der russischen Pazifikflotte kennen- und bedienen lernen, den von der in Saint-Nazaire beheimateten Werft STX France gebauten Hubschrauberträger „Wladiwostok“.

          Der Name der russischen Hafenstadt prangt in kyrillischen Lettern am Bug des 200 Meter langen und fast 65 Meter hohen, in frischem Grau hervorragenden Militärschiffes. Die Marinesoldaten begutachten es anerkennend von Bord, es liegt nur ein paar Schwimmzüge von der mit Rostspuren übersäten „Smolny“ vor Anker.

          „Möge es der älteste Spross einer großen französisch-russischen Familie sein!“, hatte Patrick Boissier, der Chef des staatlichen Marineunternehmens DCNS bei der Taufe des ersten – von möglicherweise vier – Hubschrauberträgers für die Russen im vergangenen Oktober gesagt. Am Bug wurde eine Flasche Champagner zerschlagen. Dann sprach der Erzpriester, der eigens aus der russisch-orthodoxen Kathedrale von Nizza nach Saint-Nazaire eingeflogen worden war. Es wurde auf die russisch-französische Marinefreundschaft angestoßen, die am 22. Juli 1891mit einem französischen Fregattenbesuch im Hafen von Kronstadt begonnen hatte.

          500 französische Arbeitsplätze gesichert

          Doch mit der Ukraine-Krise ist den französischen Verantwortlichen die Freude über das Milliardengeschäft vergangen. Laurent Castaing etwa, der seit 2012 der STX-Werft als Generaldirektor vorsteht, wünscht sich nur noch Diskretion. In der Empfangshalle der Werft stehen gar nicht diskret zwei dutzend russische Marineoffiziere in Uniform und palavern. Vor den Glasvitrinen mit Kreuzfahrtschiffmodellen der Werft fotografieren sie sich gegenseitig. Die meisten können weder Englisch noch Französisch, sagt die Empfangsdame. Eine Dolmetscherin treibt die Offiziere auf Russisch zusammen, es steht eine erste Schulung an.

          Insgesamt 500 französische Arbeitsplätze hat der Bau der „Wladiwostok“ bei der STX-Werft und bei den Zulieferern gesichert und weitere 500 Posten hängen vom Bau des zweiten Schiffes für die russische Schwarzmeerflotte mit dem Namen „Sewastopol“ ab. Im Juli soll mit den Arbeiten im Trockendock in Saint-Nazaire begonnen werden.

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