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Ruslan Chasbulatow : Die Hoffnungen enttäuscht

Ruslan Chasbulatow Bild: dpa

Viele Tschetschenen hatten auf ihn gezählt, er selbst nährte die Hoffnungen. Doch nun hat Ruslan Chasbulatow, der pfeifenrauchende Wirtschaftsprofessor aus Moskau, einmal mehr gekniffen. Er hat sich in letzter Minute entschieden, bei den Präsidentenwahlen in Tschetschenien nicht zu kandidieren.

          Viele Tschetschenen hatten auf ihn gezählt, er selbst nährte die Hoffnungen. Doch nun hat Ruslan Chasbulatow, der pfeifenrauchende Wirtschaftsprofessor aus Moskau, einmal mehr gekniffen. Er hat sich in letzter Minute entschieden, bei den Präsidentenwahlen in Tschetschenien am 5. Oktober nicht zu kandidieren. Ordentliche Wahlen könne es dort nicht geben, sagte er. Denn nur die russischen Streitkräfte, die separatistischen Kämpfer und der von Moskau bestellte Statthalter Achmed Kadyrow hätten das Sagen. Die Wahlen trügen nur dazu bei, die Spannungen in Tschetschenien zu verschärfen - da wolle er nicht Schuld haben, daß der Dauerkonflikt wieder zum Krieg ausufere.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Das klingt gut, wie vieles, was der wortgewandte Hochschullehrer vom Moskauer Plechanow-Institut sagt. Doch muß man es nicht ernst nehmen - die Lage in Tschetschenien war vor wenigen Tagen, als Chasbulatow noch von seiner Kandidatur sprach, genau so verzweifelt. Für die, die ihn kennen, kommt der Rückzug nicht unerwartet. Sprunghaftigkeit, Unberechenbarkeit, Sinn für Demagogie, aber auch Witz gehören zu den Wesenszügen des von sich überaus überzeugten Tschetschenen.

          Sein Selbstbewußtsein nährt sich auch aus seiner Vergangenheit. Keiner aus seinem Volk hat es in der politischen Hierarchie Rußlands so weit gebracht wie der 1942 in Grosnyj geborene Chasbulatow. Er war als Kind während des Zweiten Weltkrieges - wie alle Tschetschenen - auf Stalins Befehl nach Kasachstan deportiert worden, dort zur Schule gegangen und hatte dort ein Studium begonnen, das er an der Moskauer Universität beendete. Vor zwölf Jahren wurde er Vorsitzender des Obersten Sowjets Rußlands, also Parlamentspräsident des neuen Rußlands. Seine Verdienste in diesem Amt sind zweifelhaft. Gut zwei Jahre später, am 4. Oktober 1993, führte die Elitetruppe "Alpha" Chasbulatow als Gefangenen aus dem "Weißen Haus", dem damaligen Parlamentsgebäude. Er wurde wegen Hochverrats in Haft genommen und später verurteilt. Es war das Ende eines Konflikts zwischen dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin und dem Parlament, der mehr als 120 Menschen das Leben kostete. Zur Zuspitzung hatte der machthungrige Parlamentspräsident fast so viel wie Jelzin beigetragen.

          Wie die anderen Anführer der Rebellion wurde Chasbulatow schon im Februar 1994 vom Nachfolgeparlament, der Staatsduma, begnadigt. Seitdem ist er zu einem unerschrockenen Kritiker der Moskauer Politik in Tschetschenien geworden, ohne dabei den Separatistenführer Aslan Maschadow zu schonen. Chasbulatow hat - zusammen mit anderen - einen Friedensplan entworfen, der für Tschetschenien eine international abgesicherte Autonomie, aber keine völlige Unabhängigkeit vorsieht. Doch die Fronten sind zu verhärtet.

          Eine Wahlniederlage wollte Chasbulatow nun nicht riskieren. Der Kreml setzt auf seinen Statthalter Kadyrow, der jedoch bei freien Wahlen keine Chance hätte. Wohl noch populärer als Chasbulatow ist der Duma-Abgeordnete Aslambek Aslachanow. Auch den Moskauer Geschäftsleuten Malik Sajdullajew und Hussein Dschabrailow werden Chancen gegeben. Aus dem sicheren Moskau will Chasbulatow dennoch einen Kandidaten unterstützen. Welchen, das sagt er noch nicht.

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