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Runderlass : Auswärtiges Amt lässt „Ahnengalerien“ abhängen

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Das Amt und die Vergangenheit: Eine Historikerkommission forschte zur Rolle des Auswärtigen Dienstes in der Zeit des Nationalsozialismus Bild: ©Helmut Fricke

Mit einem Runderlass werden die deutschen Auslandsvertretungen aufgefordert, zu prüfen, ob die bisher publizierten Aussagen zu ihrer Rolle während des „Dritten Reichs“ angemessen sind. Außerdem sollen die „Ahnengalerien“ künftig überall einheitlich gestaltet werden.

          Die deutschen Auslandsvertretungen müssen ihren Umgang mit der Zeit vor März 1951 sofort einer genauen Untersuchung unterziehen. Das geht aus einem Runderlass hervor, der alle Vertretungen anweist zu prüfen, ob die in publizierten Broschüren oder auf Internetseiten enthaltenen Aussagen zur Geschichte der jeweiligen Botschaft oder des jeweiligen Konsulats während des „Dritten Reichs“ in Inhalt, Geist und Ton weiterhin angemessen und überhaupt mit der Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ kompatibel seien.

          Außerdem sollen die „Ahnengalerien“ der Vertretungen - mithin die Porträt- und Fotogalerien der jeweiligen Leiter - künftig überall einheitlich gestaltet werden. Dargestellt werden dürfen im Regelfall nur noch diejenigen, die seit 1951 (Gründung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik) ins Ausland entsandt worden seien.

          „Wie erinnert sich eine Institution mit einer solchen Geschichte?“

          Der Erlass stellt eine erste Reaktion der Zentrale in Berlin auf jene Ergebnisse dar, die eine im Sommer 2005 vom damaligen Außenminister Fischer (Grüne) eingesetzte „Unabhängige Historikerkommission zur Erforschung der Rolle des Auswärtigen Dienstes in der Zeit des Nationalsozialismus, den Umgang mit dieser Vergangenheit nach der Wiedergründung des Auswärtigen Amtes 1951 und die Frage personeller Kontinuität beziehungsweise Diskontinuität nach 1945“ vorgelegt hat.

          Anlässlich der Übergabe des Buches „Das Amt und die Vergangenheit“ durch die Historiker Eckart Conze (Marburg), Norbert Frei (Jena), Peter Hayes (Evanston, Illinois) und Moshe Zimmermann (Jerusalem) am 28. Oktober hatte Außenminister Westerwelle (FDP) die Bildung einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Staatssekretär Ammon angekündigt. Deren Aufgabe bestehe darin, „aus den Ergebnissen dieser Studie für das Auswärtige Amt die richtigen Konsequenzen zu ziehen“.

          Als Leitfragen formulierte er: „Wie erinnert sich eine Institution mit einer solchen Geschichte? Welche Bilder ehemaliger Botschafter gehören in eine Ahnengalerie, welche nicht? Wie sollte das Amt mit Nachrufen auf ehemalige Mitarbeiter umgehen?“ Mittlerweile soll schon jede Auslandsvertretung ein Dienstexemplar von „Das Amt“ erhalten haben.

          Laut Runderlass der Ammon-Arbeitsgruppe ist der Zentrale in Berlin zu berichten, welche Diplomaten in den dann noch verbleibenden Ahnengalerien geführt werden. Daraufhin werde man am Werderschen Markt unter Hinzuziehung von externem historischen Fachwissen feststellen, bei welchen Botschaftern, Generalkonsuln und Konsuln der Bundesrepublik von einer „NS-Belastung“ auszugehen sei. Für solche Fälle will die Zentrale erläuternde Bemerkungen anfertigen lassen, die den jeweiligen Botschafterporträts hinzugefügt werden müssten.

          Für die Zeit vor 1951 werden damit alle Ahnengalerien, die sich bisher an der Geburtsstunde des Auswärtigen Amts des Norddeutschen Bundes vom 4. Januar 1870 orientierten (mit Ausnahmen: so verzichtete zum Beispiel die Botschaft der Bundesrepublik in London stets auf ein Bild von Joachim von Ribbentrop, dem Leiter der Vertretung von 1936 bis 1938 und Reichsaußenminister bis 1945), aufgelöst. Allerdings können Persönlichkeiten von besonderer historischer Bedeutung an separatem Platz und räumlich getrennt von der Bundesrepublik-Galerie weiterhin mit einem Porträt geehrt werden. Als Beispiele werden genannt Otto von Bismarck in Paris und Wilhelm von Humboldt in Rom. Der eine amtierte 1862 nur wenige Monate in Frankreich, der andere von 1802 bis 1808 beim Heiligen Stuhl - beide im Dienste Preußens.

          Ob sich das Auswärtige Amt damit hinsichtlich des eigenen Personals und der eigenen Tradition ganz aus der Geschichte von der Reichsgründung 1871 bis zum Untergang des „Dritten Reichs“ 1945 ausklinken möchte, bleibt abzuwarten. Soll etwa in Washington Friedrich Wilhelm von Prittwitz in einer Asservatenkammer verschwinden - jener Botschafter, der nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 zurücktrat, weil er „sowohl aus Gründen des persönlichen Anstandes wie solchen der sachlichen Aufgaben“ nicht mehr „mit Erfolg wirken“ könne für das „Dritte Reich“? Und will man etwa in Kopenhagen, Belgrad und Rom das Porträt Ulrich von Hassels abhängen - jenes Missionschefs, den Hitler 1938 in den „Wartestand“ versetzte und der als führendes Mitglied des Widerstands im „Dritten Reich“ im September 1944 in Plötzensee hingerichtet wurde?

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